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Menorah · 1931-11-01 · Heft 11-12 (November 1931) · p. 542

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 11-12 (November 1931)
Article
Lesser Ury
Date
1931-11-01
Page
542 (sequence 1)
Language
German
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LESSER URY „Der Künstler, der sein Leben, lang ohne Rücksicht auf Modeslrömungen und Tageserfolg, unbeirrt seinen Weg geht, ist uns ein Vorbild", — diese Einleitungsworte der Urkunde, mit der die Berliner Secession L e sser Ury am 1. November 1921 zu ihrem Ehrenmitglied ernannte, sind das Motto, das man über das ganze Werk dieser starken Künsllerpersönlichkeit setzen darf. Wie wenige hat dieser Künstler Charakter und Können vereint, wie wenige hat er ein Leben reichsten künstlerischen Schaffens hindurch um seine Kunst gekämpft, hat zwischen bitteren Enttäuschungen und immer neu aufflammendem Willen, zwischen Verzweiflung und doch bis zuletzt gläubigem Mut ein so eigenwilliges, ein so tragisches Künstlcrlcben gelebt. Und noch das Ende dieses einsamen tapferen Menschen steht unter diesem Schicksal: am 18. Oktober, drei Wochen vor seinem 70. Geburlstage, an dem große Ausstellungen ihn ehren und — zum ersten Mal — ihm die Freude einer allgemeinen vollen Würdigung und Anerkennung zuteil werden lassen sollten, wurde er von einem Herzschlag dahingerafft. Bis zuletzt lebte er eigenbrödlerisch, menschenscheu, ausschließlich und unermüdlich seiner Malerei hingegeben, in seinem großen einsamen Atelier, wo noch in diesen Monaten seine letzten, von Skepsis, Müdigkeit und Krankheit überschleierten Selbstporträts, diese ergeifenden von Leid und Kampf zerfurchten Menschenbildnisse und als letztes Werk der fromme Jude im Tallis, ein Bekenntnis des J u d e n Ury entstanden. Lesser Ury ist tot. Aber es lebt die farbenfreudige, in die Buntheit und die Geheimnisse der Erscheinungen, in die Spiele des Lichts und die Träume der Seele verliebte Malerei dieses echten Künstlers. Lesser Ury hat xiiemals nach dem Wettlauf unserer Zeit, nach den neuesten Forderungen und nach Programmen gefragt, er hat nicht gedacht, sondern gemalt, unbekümmert um Wirkung und Publikum. Er hat einfach seine Freude an den Dingen, sein klares Sehen in seine Bilder hineingemalt, darum beglücken sie uns und machen uns Freude. Will man ihn in die Kunst der Gegenwart einordnen, so ist er, der 18(>2 geborene, natürlich Impressionist zu nennen. Er gehörte zu den ersten Verkündern und Wegbahnern des deutschen Impressionismus. Die Etappen seiner künstlerischen Entwicklung Düsseldorf, Brüssel, Paris, München —- sind denen aller anderen deutschen Impressionisten ähnlich. Aber er ist sehr eigenwillig von ihnen unterschieden; er klärt nicht rein realistisch die Erscheinungen der Umwelt, sondern er bestimmt sein inneres Verhältnis zu ihr, er malt die Welt, die ihn interessiert und nur soweit sie ihn interessiert. Zunächst kannte er fast nur zwei Themata: das Innere des Kaffeehauses und die Straße. Er war und blieb verliebt in seine Kaffeeinlerieurs und Typen, die eine unvergleichliche Wärme und Lebensechtheit atmen und die Atmosphäre des Milieus gleichsam ausstrahlen. Die Straßen dreier Städte hat er immer wieder gemalt: London, Paris, Berlin. Er malte die von unbestimmtem Schimmer und Dunst überdeckten Londoner Straßen. F2r malte seine klaren, kühlen Pariser Märzbilder, den Schimmer des Morgenlichts über den Brücken der Seine, den weiten Blick von den Tuilerien zum Triumphbogen, die Tempelfassade der Madeleine. Er malte mit seiner begeisterten Licht- und Farbfreude die meisterhaften, nächtlichen Straße nbilder Berlins, deren Leben sich bunt und schillernd im feuchten Asphalt spiegelt, er malte sie von der Zeit der vereinzelten nächtlichen Pferdedroschke im Gaslatemenschein bis zum Autoschwarm unter den glühenden Bogenlampen von heute. Daneben traten später dominierend seine leuchtenden Landschaften aus HollaruL Deutschland, Italien, meist in Pastell, unsagbar zart in den Farben, kühn in der Verteilung des Lichtes, voll ausschöpfend die Geheimnisse besonnten Südlands und den Farbenrausch nordischen Herbstes. Diese Bilder haben etwas Faszinierendes, in ihnen wird Urys Zug zum Romantischen lebendig, sein

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