Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Mythologie und Sage in der Bibel
- Date
- 1931-09-01
- Page
- 473 (sequence 1)
- Language
- German
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MYTHOLOGIE UND SAGE IN DER BIBEL Von J. Schur Die Mythologien der verschiedenen Kulturvölker sind eng mit dem Polytheismus und der Verehrung von Helden verknüpft, wie auch mit dem gegenseitigen Kampfe der personifizier Ten NntLirkräfte. Die Bibel, die im strengen Geiste des Monotheismus abgefaßt ist. kennt weder das eine noch das andere, iiIiii aus diesem Grunde finden wir in der Bibel keine mythologischen Erzählungen. Damit bildet das Judentum eine ins Auge fallende Ausnahme von den meisten anderen Kulturvölkern des Altertums; anstatt mit einer Mythologie anzufangen, die einen nationalen Charakter trägt und mit dem Lande des betreff enden Kulturvolkes eng verbunden ist. fängt die Bibel mit kosmogonischen Sagen an, die einen universellen, allgemein-menschlichen 'Inhalt haben. Die Schöpfungssage fängt nicht mit Erez-Israel (Palästina) an, Adam ist weder Hebräer noch Israelit, sondern Mensch im allgemeinen; das biblische Paradies liegt aul.ierhalb der Grenzen des jüdischen Heimlandes; Kain läßt sich im Lande Nod nieder, dessen geographische Lage auch der beste Kenner der Erdikugel niemals wird feststellen können; die Sintflut hat mit dem Lande der Juden nichts zu tun und nicht mal Xoach hat etwas jüdisches an sich. Dieses Fehlen einer national gefärbten Mythologie in der Bibel hat zur Auffassung geführt, daß schon dem vormonolheisti sehen Judentum jedes Schöpfungsvermögen einer mythologischen Dichtung abhanden gewesen war. welche Auffassung aber ganz unberechtigt ist. Wenn wir in der Bibel auch keiner zusammenhängenden Mythologie begegnen, so finden wir doch in derselben ganz deutliche S pure n einer solchen vor. Kennzeichnend für diese mythologischen Spuren in der Bibel sind folgende charakteristische Züge: a) Sie sind wenig in der Thorah, nie in den anderen historischen Büchern, .sondern nur in einigen poetischen Teilen der Bibel zu linden. b) Der Ton, in dem von diesen mythologischen Spuren gesprochen wird, deutet stets auf die graue vor-historische, also vorjüdische Urzeit zurück. c) Am stärksten tritt das mythologische Wesen ,,Bahab" auf, dessen eigentlichen Charakter wir jedoch nicht kennen, weil „Rahab" im Hebräischen sowohl Drachen, wie Stolz und Übermut bedeuten kann. Die Stellen in der Bibel, wo diese mythologischen Spuren am stärksten hervortreten, sind folgende: ,.Auf, auf, wappne dich mit Kraft, Jehowahs Arm; ,,Auf, wie in den Tagen der V o r z e i t, den Geschlechtern der U r z e i t! „Bist du es nicht, der den Rah ab zerschmetterte, den Thnnin?" (Jeschajah, Kap. 51, Verse 9—10.) ,.Du hast zerschmettert wie einen Gelöteten den R a h a b, ..Mit deinem mächtigen Arm hast du d'eine Feinde zerstreut." (Thehilim, Kap. 89. Vers, ll.i „Mit seiner Kraft regte er das Meer auf -,Mit seinem Verstand'« verwundete er den Rah ab." (Ijob, Kap. 20. Vers. 12.) Zu den mythologischen Wesen gehört auch der Liwjalhan, den wir auch unter den Namen Nachasch-bariach und Ncichaschakalathon kennen, und der als ein Meeresungetüm von ungeheuren Dimensionen gedacht wird (Jeschajah, Kap. 27, Vers 1). In diesen Erinnerungen an die Mythologie der Urzeit wird uns Jehowah im Kampfe mit dem übermütigen Drachen und den Ungetümen des Meeres geschildert — ein Zug, der dem späteren Monotheismus ganz fremd ist, weshalb wir vermuten müssen, daß wir es hier mit Schöpfungen zu tun haben, die aus fremden Born stammen und den babylonischen Erzählungen vom Kampfe Tischpaks und Marduks mit dem Drachen Labbu und den andreren Ungetümen des Meeres eng verbun-