Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Einiges über die Agrarreform und die Juden in Polen
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 455 (sequence 5)
- Language
- German
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EINIGES ÜBER DIE AGRARREFORM 455 könnten, die zufolge ihres kleinen Bodenbesilzes genötigt sind, ihren eigenen Grund zu \erlassen. Diese Aklion könnte l)esoiiders \\ i< lilii^ sein, wenn sie sich speziell auf die jüdischen (iiiler erstrecken würde, die sich in nächster Nähe der Städte und kleineren Ortschaften befinden. Wenn wir nun weiters die Momente betrachten, die im Zusammenhang mit der Agrarreform i n d i re k t e n Einfluß auf das jüdische Wirtschaftsleben in Polen haben, so ist die Prognose leider auch ungünstig. Die Agrarreform, die nicht imstande ist, das Problem der Landbevölkerung zu lösen, hat sehr viel Propagaudaarbeit darauf verwendet, dal.» es notwendig sei. das Dort' zu entlasten und für den Cbernul.i an ländlicher Bevölkerung Aldlulbnöglichkeilen zu schaffen in erster Linie natürlich in die Städte. Doch die trüberen Stadtre.servoirs die Industrien - können jetzt diesen Zullul.» nicht aufnehmen, die verschärfte Wirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit in der Industrie, die Rationalisierung setzen dem Vorstol.» der Landbevölkerung nach dieser Bichlung einen Damm entgegen. So bleiben für diesen Bevölkerungsxiistvom nur jene Gebiete, die gegen den Drang von auben her weniger widerstandsfähig sind und wo die Möglichkeit besteh!, das alloingessene Kiemenl zu verdrängen: das sind Mandel und Gewerbe. Tatsächlich sehen wir, dal.) in jenen Gebieten, die eine starke laudwirlschaftliehe Bevölkerung haben, das nicht jüdische Element immer größeren Anteil am Handel hat. Diese l'inschicihtiingsbewegung der polnischen Bevölkerung wird in steigendem Matfe von den staatlichen Finanzinsliiulen unterstützt. So hat die staatliche Wolkswirlschal'lsbank" im .lahre t WO nicht weniger als M\lA Millionen Zloty für langfristige Kredite an polni- > c h e Handwerker und Kleinhändler bereitgestellt, die durch Vermittlung dm* Kommunalkassen in den Städten und Dörfern verteilt werden sollen. Die Entschädigung, welche die -landwirtschaftlichen Lohnarbeiter bei der Parzellierung der großen. Güter erhallen, tu Ifen auch viel mit. da 13 der Arbeiter einen neuen Beruf ergreift, besonders den des Hausierers, der in Polen sehr beliebt geworden ist (in den Jahren 1925 und V.W wurden in Polen <>2S5 Patente für den Hausierhandel erworben, diese Zahl hat sich in den Jahren 1928 und IV.20 verdoppelt). Das Handelsministerium entfallet eine weilreichende Propaganda für die. Verbesserung der sogenannten Hau s i n d u s t r i e, die in Polen auf den Dörfern in allerlei Formen (Töpferei, Korbllechlerei, Stickerei usw.) sehr populär ist. Diese Beschäftigung, bisher ein Nebenverdienst der Bauersleute, der dem lokalen Bedarf diente, bekommt jetzt einen anderen Charakter, (lenkt an Expansion für den Absatz, versucht sich dem Geschmack und Bedürfnis der städtischen Bevölkerung anzupassen und kann so, zumal sie über billige Arbeitskraft verfügt und keine Steuerlasten und ähnliche Unkosten hat, in absehbarer Zeit eine ernstliche Bedrohung des städtischen Handwerks und der Kleinind'ustrie bilden. Dieses Auftreden eines neuen, wenn auch noch unerfahrenen Elementes in Handel und Handwerk erfolgt nun gerade in einem Augenblick, da der alleingesessene jüdische Händler und Handwerker sich in einem Stadium schwerer wirtschaftlicher Depression belind'et. Deshalb hal das neue Element um so grötöere Chancen, die Positionen, nach denen es slrebt. zu erobern, denn es hat zum Teil eigene Mittel, zum Teil billigen langfristigen Kredit, während der jüdische Konkurrent heute über keines von beiden verfügt. Wohl hal dieser Kampf um die Positionen zwischen den Konkurrenten selbst noch keine scharfen Formen angenommen, dagegen tritt immer schärfer die systematische, wohlorganisserte Tätigkeit der p o I n i s c h e n H a n d e t su n d 1 a n dw i r t s <• h a f l 1 i e h e n G e n o s s e n s c b a f- I e n hervor, die darauf abzielt, verschiedene 1 landelsfunktionen zu übernehmen, die bisher in den Händen Pjnzelner waren. Die Zahl der polnischen K o n s u m v e r e i n e. die im Jahre 1923 noch oölS betrug, ist im .lahre 1927 auf 74(>9 gestiegen. Die landwirl-