Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Der Maler Jules Pascin
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 438 (sequence 2)
- Language
- German
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438 MENOR AH Proportionen und Farbensymphonie dienen dazu, sie durch und durch ausdrucksvoll und so persönlich differenziert zu gestalten, wie es sonst nur Kopie großer Meisler des Porträts sind. Immer sinnlicher werden seine Akte, und auch bei angezogenen Figuren konzentriert sich der Ausdruck lediglich am Körper, der unter den Kleidern spürbar ist. Immer mehr ist ihre ganze Vitalität in Erotik aufgelöst. Denn das (ieheimnis des menschlichen Seins, das er suchte, es scheint sich ihm - wie gar vielen seiner Zeilgenossen übrigens, um Trend nur zu nennen — im Geschlecht offenbart zu haben. Nur Sinnengeschöpfe sind all die entzückenden Kinder mit den dumpfernslen Gesichtchen und den zarten, ahnenden Körperlein, (he vollerhlühlen Frauen und die zermürbten Weiber, die er mall. Und muten dennoch keusch und unschuldig an. Denn in hellen Farhakkorden wiedergegeben, die sich meist ans naiven rosa und blaßgelben Tönen zusammensetzen, manchmal heiß lodern wie Sonnenblumen im Grün und manchmal die Tönning modernden Graves aufweisen, haben alle diese Geschöpfe, unbewegt wie er sie darstellt, von llaumhall zarter Haut und Gliedern, denen höchstens Reflexe, aber keine YVillenshandlungen zuzutrauen sind, etwas stark Vegetatives an sich. Sie schauen Blumen ähnlich. Reizvoll, rührend, jedem Erteil und jeder Verantwortung entzogen; erstehen sie unter seinem Pinsel, der kaum noch die Leinwand berührt, so behutsam formt er diese sinnesstarken Körper. Mehr noch als mit den Zeichnungen, in denen er idyllische und heroische Legenden ins Trivial-Lächerliche zog, hat Pascin in diesen Bildern, die das Verrufene zu paradiesisch Reinein verklärten, sich über die festen Werle der bürgerlichen Welt hinweggesetzt. Fin Eigenbrödler, ist er doch darin der klassische Künstler jener ..sensualislischen"' Stimmungen, die immer kulfurmüde Geschlechter befallend, seit dem ausgehenden 19. Jahrhunderl sich ständig breitere Bahn brechen. Sein Kr folg war groß und im Wachsen begriffen. Doch er selbst, der merkwürdige Mann mit den wulstigen Lippen und dem fielen, llackerndeu Blick, sah immer deutlicher (Ins Eine: diuß er am Ende seines Weges angelangt sei. Weiler ging es auch wirklich nicht in dieser Richtung; seine Kunst war als solche schlechthin vollkommen, seiner Auffassung war kein ferneres Ziel möglich, denn sie erreichte schon das letzte, indem sie den Trieb als das Wesentliche und jenseits von aller Schuld kündele. Weil aber seinem Zigeunerluin nicht nur Verlangen nach Schrankenlosigkeit zugrunde lag, sondern auch jener Drang nach Wahrheil, der Weisheils jünger einst zu Wanderern der Landstraße zu machen pflegte, und weil schweres Blut eines gol tsiieh (igen Volkes in seinen Adern rollle, packte ihn vor der Wahrheil, die er auf seinem Lebenspfade fand, ein Grauen. Da Genießen. Rausch (Ins Einzige, das er als Wert, anzuerkennen wußte, ihm auf die Dauer kein Genügen zu sein vermochten, da also die Rechnung seines Lebens nicht aufging, beschloß er. es von sich zu werfen. Zu ehrlich es, da sein Weg im Oden mündete, auf einem fremden, gangbareren zu versuchen, war Selbstmord die Lösung, nach der er grill'. Nicht mit Überlegenheit oder auch nur mit Ruhe, nach Art der Epikuräer. als deren einer er galt, bereitete er sein Sterben vor. Von einem grausam-fanatischen Selbslbesl ra fungsbediirfnis besessen, brachte er, ein Glaubensloser und Glaubensdnrstiger. sich dem unbekannten Ideal, an dem er sieb versündigt fühlte, zum blutigen Opfer. Der schreckliche Tod. den er sich gab, um so erschütternder, da keinerlei äußere Einstände ihn verursach teil, war sein Tod, <!;er Tod, der seines Lebens Sinn rein lierausstellte, der es krönte und ihm seine Weihe gab. Er war aber noch mehr als das. Er bedeutet die Flucht des Künstlers aus einer enlgötlerlen Well und ist die Offenbarung der radikalen Unvereinbarkeit von schöpferischem und verneinendem Geist, die reu gleichzeitige Verkörperung zu sein, das tragische Schicksal Pascins war. Äurelre Gottlieb.