Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- Der Maler Jules Pascin
- Date
- 1931-09-01
- Page
- 437 (sequence 1)
- Language
- German
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Der JVlaJer Jules Pascin Er war ein Roheme, rinn* der vollkommensten, die es je auf Erden £4ivI>. Ein Boheme aus Temperament, und Überzeugung, nichl, avimI er aus der Nol eine Tugend machte. Sein ganzes Leben, seine Kunsl, sein selbslgewähller Tori sind ebenso viele Proteste gegen die Slal)ililät und ihre Mond. In Rumänien oder war's in Bulgarien? — geboren, verließ er in jungen Jahren auf Nimmerwiederkehr das steinreiche Bürgerhaus, dem er entstammle. Er verbrachte einige Zeil in Deutschland, in München und anderen Bohemezenlren der Vorkriegszeit, ließ sieh dann in Paris, der Stadl der freien Lebensart, nieder, naturalisierte sieh gelegenllich eines AuIenlhallcvs in Amerika und war eigentlich slels auf Reisen. Er verdiente ungeheures (.cid. doch wollte er nie etwas besitzen. Richilde der Frau, die er lieble, ein komfortables Heim ein, mochte es aber niehl mit ihr teilen und banste in einem groflen. dürftig eingerichlelen Atelier, in dem es sprichwörtlich gewordene wüste Gelage gab. Er schwärmte oft nächtelang in Lokalen herum, zahlte für alle, Rekann le und rnl)ekan.n le, die sich dort gleichzeitig miL ihm befanden, betrank sich häutig und war immer zu Abenteuern aufgelegt. Dabei zeichnete und malle er enorm \!el. ohne je darüber zu sprechen. Nahm überhaupt sich, seine Arbeil. seine Anerkennung nie ernster als alles andere um sieh herum. Auch seine Kunst nhnet diesen Geist der rngebnndenheil. Er begann als Illustrator des Simpliziss innis und zeit seines Lebens blieben Illuslnilionen und erzählende Zeichnungen sein geliebtes Betätigungsfeld. Er schlug in ihnen aller herkömmlichen Auffassung ins Gesiebt. Den göttlichen Sukrates im Kreise seiner .länger stellt er als verkommenen, schlotternden Greis dar. der von schlechtrassigen Intellektuellen umgeben, angslzilternd >icb vor Dirnen zu verstecken sucht, die ihn und seine klägliche Suite auslachen. Die Einschiffung nach den Liebesinseln schildert er als brutales Gedränge brünstiger Leiber. Die Länder, die er bereiste", sah und zeigte er mich anders als nach geheiligter Sitte gang und gäbe ist, von ihnen zu berichten. Er tut es ohne Zorn, ohne Hohn, ohne jede Rosheit. ohne Anspruch, dat.! die Well von nun ab umlernen soll. Er erzählt seine Eindrücke und äußert seine Ansicht über die Geschichten, die er illustriert, in einer so leichten, so knappen, so überaus charmanten Weise, dal.» sie nicht anstößig wirken können. Von Gestalten gefüllt, die auf eine Eläehe, meistens ohne Hintergrund und Perspektive, mit zarten, aber wie! treffsicheren Strichen hiiigehauchl und einer ganz unrealistischen, rein musikalischen Ordnung unterworfen .sind, haben diese Blätter zu wenig Materie, um beleidigend empfunden zu werthin. Sie dringen gar nicht in jene Schiehlen, wo sich Empörung oder Schamgefühl regen. Sie sprechen lediglich zum Auge und zum Intellekt; entzücken durch streiche Einfälle und beschwingtes Linienspiel. Aul.Jer diesem lustigen III usl rationsAverk gibt es noch Pascins Ak (Zeichnungen und -eine Rilder. Sit» zeigen des witzigen Zynikers ernstes Gesicht. Ein. empfindsamer Dichter, ein leidenschaftlicher Sucher taucht unvermutet aus ihnen hervor. Der Mensch ist ihr Thema. Von seinen ersten Sturlien, die in der Ai me-Leu l.e-Kunsl-Atniosphäre des damaligen München entstanden sind und abgehärmte Menschen, mit viel Mitleid und ungelenkem Handwerk Aviedergaben, bis zu dem meisterlich gemallen, blülcnhaflen Mädchenkörper, den er unvollendet, auf seiner Staffelei ließ, spürt er in all seinem Schallen unermüdlich dem Rätsel des menschlichen Wesens nach. Seine Menschensludieii sind vorwiegend Körperstudien. Denn am Körper vor allem, an dein das Leben sich abspielt und unverwischbar seine Kerbe einträgt, nichl am Gesicht, das allzuoft nur Maske ist. glaubt Pascin dem Geheimnis, das ihn lockt, auf die Spur zu kommen. Seine Akte erhallen mit der Zeit ein ganz eigenartiges Gepräge. Sie sind nicht, wie sonst fast durchgängig, als eine Art nalure morle der interessanten Proportionen oder de.v reichen Farbensymphonie wegen zum künstlerischen Vorwurf gewählt, sondern