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Menorah · 1931-09-01 · Heft 9-10 (September 1931) · p. 431

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 9-10 (September 1931)
Article
Der Taschenspiegel
Date
1931-09-01
Page
431 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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DER TASCHENSPIEGEL Von Noah Elstein Verstohlen — aus Angst, die schlummernden Eltern oder die Hühner zu wecken, die unter dem Bett anehuindergehockt schliefen - kroch Rahel auf den Dachboden, wo sie sich bei dem rosigen Licht der ersten Morgensonne in dem kleinen Taschenspiegel besah, den sie in Kowno für drei Kopeken gekauft hatte. Während ihr Vater auf dem Markt damit beschäftigt war, seine Kuh gegen Häute an den Mann zu bringen, hatte sie sich unbemerkt davongeschlichen, war auf die schönen, breiten, mit .Bäumen bepflanzten Straßen gelaufen und hatte dort einer Musikkapelle zugehört, die auf einer Terrasse spielte, hatte elegant gekleidete junge Leute getroffen und war schließlich auf einen Hausierer gestoßen, der auf einem Tablett kleine Taschenspiegel feilhielt . . . Als sie ein Geräusch von unten her hörte, verbarg sie den Spiegel rasch unter einem Heubündel und stieg vorsichtig hinab in das Kümnierchen, in dem sie mit zwei Schwestern, der Ziege und dem Kalb geineinsam hauste. Durch die dünne, hölzerne Verschalung konnte sie das Schnarchen des Vaters und das Glucken einer träumenden Henne deutlich vernehmen. Weiterher aus dem letzten Verschlag hörte man das Scharren und Schnaufen einer Kuh, die schon auf den Beinen war. Die Schwestern standen bald auf und betätigten sich, nachdem sie das Vieh auf die dürre kleine Wiese hinter der mit Schindeln gedeckten Hütte getrieben hatten, im Haus und in der Wirtschaft. Gintel kroch aus dem Bett, während ihr Mann die Tephillin anlegte und gleichzeitig das Morgengebet sprach, und sofort war ihre gellende Stimme überall zu hören. Sie litt bitter unter der Enttäuschung, keinen Sohn zu haben und machte dafür ihrem Mann und ihren Töchtern das Leben sauer. Da kam Reb Moischc, um den Mädchen die wöchentliche Lektion im Hebräischen zu geben, die sie erhielten, um wenigstens die Gebete ordentlich aufsagen zu können. Mehr zu lernen war für die Mädchen weder nötig, noch auch erwünscht. Für diese Leistung bekam der Lehrer dreißig Kopeken und das Mittagessen. Aber Kabel hatte bei ihm gar nichts gelernt: Als Reh Moische vor einigen Jahren mit seinen Lektionen begonnen hatte, verkroch sie sich gewöhnlich am Dachboden im Heu - jetzt aber wo ihre völlige Unwissenheit sozusagen schon offiziell war, lag kein Grund mehr vor, sich zu verstecken. Jedesmal wenn der Mann kam, fühlte Gintel einen Stich im

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