Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1931-09-01 · Heft 9-10 (September 1931) · p. Seite 428

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 9-10 (September 1931)
Article
An der Schwelle einer neuen Zeit
Date
1931-09-01
Page
Seite 428 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912908-2912914-2927262--10651-2927420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

428 ME N ORAH verteilt wurden. Die Türken selbst baten darum, nur bei Juden einquartiert zu werden. Sie fühlten sich dort heimischer. Es wäre bestimml ungerecht, wollte man behaupten, daß die Nichtjuden sie hart oder wie Feinde behandelt hätten; das Verhalten der Juden war aber von Mitleid, ja fast von Zuneigung getragen. Ich erwähnte schon, daß wir die Türken traditionell als Ururenkel Ismaels — also als unsere nahen Verwandten betrachteten. Es kamen aber drei wichtige Momente hinzu, die das Gefühl der Verbundenheit noch steigerten. Erstens war es kein Geheimnis, da 13 die Türken als Mohammedaner alle beschnitten waren; zweitens aßen sie aus dem nämlichen Grunde kein Schweinefleisch, und drittens nahmen die Türken, selbst im Hause, niemals den Hut vom Kopfe. Das Verhalten der Erwachsenen zu den türkischen Gefangenen übertrug sich sehr schnell auf uns Kinder, und als Kinder empfanden wir sogar noch zärtlicher für diese Unglücklichen, die das Kriegsgeschick unter Fremde in ein fremdes Land verschlagen hatte. Alte Bilder stiegen in meinem Geiste auf. So — schien mir — müßten unsere Urahnen ausgesehen haben, als sie nach Assyrien, nach Babylon unter die Meder und Perser vertrieben wurden. Unsere Urahnen hatten es aber schlechter, denn dort, wohin sie gingen, gab es keine Juden, die mit ihnen Mitleid hatten .. . An Sommer tagen pflegten die Türken an die Swisla zu gehen, um zu baden. Dann saßen sie dort Stunden und Stunden, die Füße, auf türkische Art, unter sich gekreuzt. Dabei kam mir willkürlich der Psalm ,,an den Strömen Babels4' in den Sinn, und ich dachte daran, wir wir an fernen Wassern gesessen und uns nach Jerusalem gesehnt hatten. Nichts fehlte als die Harfen und die Weiden sie anzuhängen. Doch das Wasser war da und auch die Gefangenen, und das übrige ergänzte meine Phantasie. Jemand hatte uns erzählt, daß die Türken ein sehr zartes Volk und nicht gewöhnt wären, Schwarzbrot zu essen. Sie äßen nur Weißbrot oder Reis. Wir Kinder stopften uns die Taschen mit Weißbrot und Reis voll und schenkten das den Türken. Eine Unterhaltung war natürlich unmöglich: das einzige, was wir tun konnten, war, ihnen den Mund mit Brot und Reis zu stopfen. Und es scheint, daß wir wirklich zart waren: keiner von ihnen lehnte die kleinen Spenden ah, die wir ihnen aus Sympathie mit nahen Stammverwandten darbrachten. Der Krieg dauerte fort, und auf russischer Seite häuften sich die Siege. Es hatte den Anschein, als ob der slawisch-byzantinische Konstantinopeltraum seiner Erfüllung immer näher rückte. Und wer weiß, welche Wendung die Weltgeschichte genommen hätte, wenn die ehr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.