Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- An der Schwelle einer neuen Zeit
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 420 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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420 MENORAH Wir ließen uns einen russischen Lehrer aus Mohilew am Dnjepr kommen. Meine Schwester Frida hatte sich einige Jahre vorher mit einem gewissen Ascher Schafrai aus Mohilew verheiratet, und dieser hatte uns einen seiner Bekannten, Krugliansky mit Namen, als Lehrer empfohlen. Mein Schwager war ein tüchtiger jüdischer Gelehrter, verstand aber kein Wort Russisch. Er versicherte, Krugliansky wäre ein Lehrer ersten Ranges, spräche Russisch wie ein Moskauer Aristokrat und wäre obendrein ein rechtgläubiger Jude: er würde also den Jugend liehen der Stadt kein böses Beispiel geben. Und dieses letztere gab den Ausschlag. Man fürchtete nämlich mehr den Lehrer selbst, als den direkten Einfluß der russischen Sprache. Und ein Jude als russischer Lehrer war gefürchteter als ein Nichtjude, da der jüdische Lehrer mit seinem Schüler intimersteht, und sein Einfluß auf ihn also stärker sein kann. Krugliansky blieb zwei Jahre in Swislowitz. In den ersten Monaten ging er täglich in die Synagoge und legte die Gebetr/iemen an, genau wie jeder andere. Aber schon gegen Ende des ersten Jahres sprach es sich herum, daß er in seinem eigenen Domizil allerlei unjüdischen Gewohnheiten huldigte. Schließlich wurde ihm der Boden wohl zu heiß, und er mußte Swislowitz verlassen. Die Befürchtungen der Eltern für ihre heranwachsenden Kinder waren nicht unbegründet. Auf einige seiner Freunde und älteren Schüler übte er, soweit die jüdischen Bräuche in Betracht kamen, entschieden einen negativen Einfluß aus. Auf uns, seine jüngsten Schüler, hatte er jedoch nicht den mindesten Einfluß. Wir betrachteten ihn wie einen Gast aus einer fremden Welt. Nur fünfmal in der Woche — denn Freitags und Sonnabends hatten wir keinen russischen Unterricht — nahmen wir täglich eine Stunde bei ihm. Seine pädagogische Methode war altmodisch, das heißt, er lehrte die Sprache, indem er Stellen aus dem Russischen ins Jiddische übersetzen ließ und sein Hauptaugenmerk auf die Grammatik richtete, so daß der Unterricht trostlos uninteressant und trocken verlief. Ich betrachtete meine russischen Stunden als eine lästige Pflicht, derer ich mich so schnell wie möglich entledigen wollte. Daher machte ich auch nur sehr langsame Fortschritte. Ich kann jedoch nicht die ganze Schuld auf den Lehrer schieben; mindestens die Hälfte traf mich selbst. Dafür lieferte Benje, Hanna Neches Sohn, einen hinlänglichen Beweis. Er war nicht sonderlich begabt, und trotzdem machte er im Russischen unvergleichlich raschere Fortschritte als ich. Ich glaube, das erklärt sich daraus, daß Hebräisch bereits sehr tief in mir verwurzelt war. Ich besaß nicht die Kraft, meinen Geist loszulösen und eine fremde Sprache leicht zu absorbieren.