Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1931)
- Article
- An der Schwelle einer neuen Zeit
- Date
- 1931-09-01
- Page
- 419 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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SHMARJA LEVIN: AN DER SCHWELLE EINER NEUEN ZEIT Wir entnehmen dieses Kapitel dem ersten Teil der Erinnerungen Shmarja L e v i n's, welche (demnächst in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Kindheit im Exil" im Ernst Rowohlt Verlag, Berlin erscheinen. Ich war neun Jahre alt, als ich Russisch zu lernen begann. Wieder war es Onkel Meyer Wendrow, der sich dafür einsetzte. Er lebte in der großen Welt, in Dünaburg, und seine Stellung brachte ihn in nahe Berührung mit der höheren Militärwelt, in der er unmöglich ohne Russisch hätte auskommen können. Es war sein sehnlicher Wunsch, daß seine beiden Söhne, meine Schulgefährten, späterhin an einer technischen Hochschule ihre Studien absolvierten und Baumeister würden. Um das Studium ergreifen zu können, mußten sie zuvor eine höhere Schule durchgemacht haben; mein Onkel war aber darauf bedacht, ihnen, bevor sie in die russische Schule eintraten, eine gründliche jüdische Erziehung zuteil werden zu lassen. Um jene Zeit hatte jeder Maskil — jeder „aufgeklärte" Jude — denselben Ehrgeiz für seine Kinder: die jüdische und die allgemeine Erziehung zu verbinden. Meinem Vater lagen nun derartige Wünsche fern, und er dachte nicht daran, einen seiner Söhne einen freien Beruf wählen zu lassen. Er wollte, daß sie fähige Kaufleute — Holzhändler — würden. Meine Mutter wünschte sehnlichst, daß ich ein Rabbi, ein Gaon — einer der größten Gelehrten seiner Zeit — werden möchte, und mein Rebbe unterstützte sie darin nach Kräften. Trotzdem ging mein Vater darauf ein, daß ich russisch lernen sollte, denn er fand, daß das sogar vom rein geschäftlichen Standpunkt aus nützlich wäre. ,,Es ist sehr schön", sagte er, „wenn man mit dem Grundbesitzer in seiner eigenen Sprache reden, einen Kontrakt aufsetzen oder eine Eingabe an die Regierung abfassen kann." Der Raw von Swislowitz, den ich schon mehrfach erwähnte, war ein gewisser Abraham Schewelew aus Slutzk. Er war der einzige Sohn der angesehensten Hebamme des Orts, „Bobke" genannt, die wie eine Heilige verehrt wurde. Abraham Schewelew war ein hervorragender Talmudist und beherrschte dabei ebenso gut die hebräische Sprache wie die Literatur unserer neuen Renaissance. In gewissem Sinne war er ein ,,Freidenker", womit allerdings nur gemeint ist, daß er Sinn für das Weltliche besaß. Er hatte auf meinen Vater starken Einfluß, und seine Frau war eine nahe Freundin meiner Mutter. Der Plan, daß ich russischen Unterricht erhalten sollte, fand nun sowohl die Billigung des Raws wie die seiner Frau,