Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1931)
- Article
- Was der Baumeister Salman erzählt
- Date
- 1931-07-01
- Page
- Seite 294 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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294 MENORAH ben, er mußte immer wieder seine Erfolge neu erleben, sie in die Welt hinausschreien, um sie selbst zu hören und dadurch zu glauben. Doch die neue Welt, in die er kam, wollte nicht hören, was er erzählte. Seine Leistungen waren für sie nichts Absonderliches und sie staunte nicht darüber oder tat wenigstens so, als staunte sie nicht. Es dauerte nicht lange und Salman wurde als Prahlhans bezeichnet und erschien in aller Augen lächerlich. Denn man verstand ihn nicht, man erkannte nicht, daß er nicht die geringste Absicht hatte zu prahlen, sondern daß er von sich selbst reden mußte, weil er von seinem Glück überrascht war und sich vergewissern wollte, ob es Wirklichkeit sei. Er wollte schreien, um sich zu überzeugen, daß er nicht träumte. Als er merkte, daß seine neuen Nachbarn ihn nicht anhören wollten, ja sogar ihn auslachten, da hielt er nach anderen Zuhörern Ausschau und suchte seine früheren Nachbarn auf, die Bewohner der „Rinne", die Kinder des Elends und der Not: Oh, sie würden ihm sicher zuhören. Und das taten sie auch. Wie gern hörten sie zu! Die Schenke ist voll von Bewohnern der „Rinne'*. Handwerker, Fuhrleute, Lastträger — sie alle sind eben aus den Straßen des Reichtums gekommen, nach einem Tag schwerer Arbeit oder noch schwererer Arbeitssuche, den kargen Verdienst in der Tasche der zerschlissenen Hose oder auf dem Busen unter dem geflickten Rock, viele auch ohne einen Groschen, wTeil sie heute keine Arbeit gefunden haben. So sitzen sie in der Gaststube, Alte und Junge, Gestalten mit dichten Bärten, grau, schwarz oder rot, noch vom Staub und Schmutz ihrer Tagesarbeit bedeckt; der eine hat einen Schoppen Bier, der andere ein Gläschen Branntwein vor sich, der eine Pfeife im Mund, jener eine gedrehte Zigarette in der Hand, mancher bloß eine Prise Schnupftabak zwischen den schwarzen, von der Arbeit abgescheuerten und verunstalteten Fingern. Die an den langen Tischen sitzen, stützen die Ellenbogen darauf und den Kopf zwischen die Hände, die anderen, die am Tisch keinen Platz mehr gefunden haben, lehnen den Kopf an die senkrecht auf das Knie gesetzte Hand. Und alle Augen, diese entzündeten, geröteten, nie ausgeschlafenen Augen glänzen in erwartungsvoller Neugierde dem Baumeister Salman entgegen, einem großen hageren Mann mit breitem Bart, der obenan am großen Schenktisch sitzt und erzählt. . . „Mit dreißig Droschkenkutschern bin ich heute gefahren!" — ruft er, dabei selbst verwundert, und blickt mit leuchtenden Augen über