Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Reisetagebuch aus Marokko
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 256 (sequence 12)
- Language
- German
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256 MEN ORAH hammed so entzückt vom Wohlklang ihrer Stimmen, daß er ganz vergißt, darauf zu hören, was sie eigentlich beten. — Wenn die Christen beten, freut sich Jesus so sehr ihrer Preislieder, daß er an nichts anderes denkt. — Aber wenn die Juden beten, geschieht es mit so heiserer Stimme und so greulichen Melodien, daß Moses schleunigst den Regen sendet, um das Geschrei nicht mehr hören zu müssen." „Vor zwanzig Jahren,'4 fuhr M. Benoliel fort, „wurden die Juden von den Arabern des Innern noch geschlagen, wenn sie nicht die Schuhe auszogen und auf dem Kopfe trugen, sobald sie an einer Moschee vorbeigingen. Und doch beten die Araber am Grabe des heiligen Rabbi Amram ben Diwan mit der gleichen Inbrunst wie bei ihren eigenen heiligen Statten. Sie tun so, als verachteten sie den Juden, und doch hat mein Bruder, der in der Nähe des königlichen Palastes in Fez wohnte, oft und oft gesehen, wie Sultan Meley Hassan, nur von einem Negersklaven begleitet, um Mitternacht das Haus verließ und den heiligen Rabbi Abner besuchte, um sich bei ihm Rat und Erbauung zu holen. Mein eigener Großvater war auch ein Chassid wie Rabbi Abner. Als mein Onkel, der in Algier lebte, ihn bat, Tanger zu verlassen und zu ihm zu ziehen, da weigerte sich die Bevölkerung von Tanger, ihn gehen zu lassen. Die Araber sahen ihn als den ,Baraka' der Stadt an und setzten es beim Sultan durch, daß er seine Ausreise verbot. AVenn arabischer Mut und arabische Muskelkraft sich mit jüdischer Klugheit und Schlauheit vereint hätten, wäre Marokko heute ein freies und großes Land. Das ist kein bloßes Gerede. Einst haben wir marokkanischen Juden mit den Arabern zusammen gewirkt; aber seit wir uneinig geworden sind, ist auch das Reich der Mauren zerfallen. Wenn Sie nach Tetuan kommen, fragen Sie doch die Bettler dort, wer heute noch die Schlüssel ihrer Ahnenschlösser in Granada verwahrt." Juden und Araber — das Problem ist heute nicht weniger schwer und dringlich als vor zehn Jahrhunderten. Jüdische Dörfer, uns teurer als Macht und Herrschaft, stehen auf dem Spiel. Der Jude, sagte Benoliel, ist klug. Wenn er darauf besteht, stolz zu sein wie der Maure, ist wenig Hoffnung für ihn. Was den Araber betrifft, so ist es für den Außenstehenden sehr leicht, ihm gut zu raten, er möge sich mit dem Juden vereinigen. Wir selbst mögen recht gut verstehen, wie nützlich es für ihn wäre, aber wie macht man es ihm klar? Vielleicht unterbricht Benoliel seine Arbeit an der „Lusiade" und schreibt ein Buch: lehrreicher Anekdoten für den Groß-Mufti von Jerusalem. Aus dem Amerikanischen übertragen von Paula Arnold