Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Reisetagebuch aus Marokko
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 254 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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254 MENORAH Soeben arbeitet er an einer Übersetzung der „Lusiade" ins Hebräische. Er wohnt reizend, auf einem Hügel im neuen Stadtvierlei; das Haus versehwindet ganz hinter Magnolien. Ein hochgewachsener, charmanter Mann, dessen ergrauender Bart verrät, daß er nahe an siebzig sein muß, stellte er mich einer erstaunlich jugendlichen Frau und erstaunlich erwachsenen Kindern vor. Er führte mich sofort in sein Studierzimmer, wo ich eine Bibliothek von dreitausend Bänden fand, die den vielseitigen Geist des Besitzers widerspiegelt. Zehn Sprachen sind darin vertreten, und ich sah Jahresberichte der Amerikanisch- Jüdischen Historischen Gesellschaft so gut wie verschollene Ausgaben von Camoens. Mein Gastfreund ist ein ausgezeichneter Gesellschafter, und Kaffee, Tabak und Zeit verrannen uns gleichermaßen schnell. Natürlich fragte ich ihn sogleich nach dem Verhältnis zwischen Mauren und Juden, wobei ich mich selbst darüber wunderte, wie wir Juden, und mögen wir aus den fernsten Ländern zusammentreffen, als erstes von den Gojim sprechen. Man hatte mir gesagt, daß die Araber den Juden nicht hassen, daß er ihnen zu gering erscheine nicht nur für den Haß, sondern sogar für die Verachtung, daß sie ihn mit derselben Gleichgültigkeit betrachten, wie man etwa ein Huhn ansieht. Mein Wirt wußte es anders. Die marokkanischen Araber und Berber seien dem Juden mit Banden verknüpft, die gleichermaßen aus Bedürfnis wie aus Furcht gellochten sind, und sich nur manchmal in Feindschaft und Verachtung ausdrücken. Er erzählte eine Legemde, die dies erhärten sollte. Als die Juden aus Spanien vertrieben wurden, suchten viele von ihnen in Marokko Zuflucht. Wie so oft, gerieten auch hier die erbeingesessenen Juden in Furcht vor der unbeschränkten Einwanderung ihrer Glaubensgenossen und brachten den Sultan dazu, diesen das Land zu sperren. Die Flüchtlinge boten Geld, aber die verängstigten marokkanischen Juden überredeten den Sultan, auch dies zunächst auszuschlagen. Schließlich aber hörte der Sultan auf seine Landwirtschafts- und Finanzminister, die ihm vernünftigere Ratschläge gaben, und erlaubte den spanischen Juden die Einwanderung unter einer Bedingung — sie mußten für sich und ihre Nachkommen die Verpflichtung übernehmen, in Zeiten der Dürre mit Erfolg Regen für das Land von ihrem Gott zu erbitten — denn die Juden sind berühmte Regenmacher. Die Flüchtlinge unternahmen es, diese Bedingung zu erfüllen, vorausgesetzt, daß die Moslems und die Christen bei diesen Gelegenheiten ihre Gebete den jüdischen vorausschickten. Das taten sie aus Rück-