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Menorah · 1931-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1931) · p. Seite 252

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 5-6 (Mai 1931)
Article
Reisetagebuch aus Marokko
Date
1931-05-01
Page
Seite 252 (sequence 8)
Language
German
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252 MENORAH Freunde zuckten zweifelnd die Achsel, als ich Palästina erwähnte. Söhne eines alteingewurzelteii Judentums, weit entfernt von dem Jahrhundert des großmäuligen Nationalismus, haben sie keine Ideologie nölig, um ihre selbstverständliche Sehnsucht nacli der eigenen Sprache zur rechtfertigen. Politische Theorien sind ihnen ebenso fremd wie ihren geistigen Vorgängern, den Maskilim. LJ nd wieder versanken die Jahrhunderte, als M. Bendayan mich in die „große" Synagoge führte, wo ein freundliches Zwielicht die Bänke, Lampen und Teppiche in eine gewisse Würde tauchte. Man zeigte mir eine Besonderheit der marokkanischen (oder aller sephardischen?) Synagogen: einen kunstvollen Leuchter, der in der Nähe der Bimah hängt, und unter dem der Bräutigam die Glückwünsche entgegennimmt. Die Minchahstunde nahte — ich merkte erst jetzt, daß das Zwielicht nicht dem Mangel an Sonne, sondern an Scheuerfrauen zuzuschreiben war — und wir gingen, wie es Brauch war, in die Synagoge Tiferet Israel, ein kleineres und noch dunkleres Bethaus, wo etwa fünizig Männer sich zum Beten versammelt hatten. Viele waren offenbar, wie mein Begleiter, moderne Geschäftsleute, die mitten in der Geschäftszeit Laden und Büro verlassen hatten, um Minchah zu beten. Ich staunte über ihre Frömmigkeit — aber wenn man mich etwa fragen wollte, was es denn heißt, ein Jude zu sein, wenn man nicht Minchah betet — ich wüßte keine Antwort. Abends saß ich zum xten Male in dem Kaifeehaus am Kleinen Socco, und da gaben mir meine zwei jungen Freunde die /\ntwort. „Befolgen auch Sie alle jüdischen Gesetze?" fragte ich M. Laredo. „Beinahe alle", sagte er. „Aus religiöser Überzeugung oder aus Stanmiestreue oder aus Gewohnheit?" „Hauptsächlich aus religiöser Überzeugung/4 Ich ließ nicht locker. „Sie scheinen mir doch sonst ein moderner Mensch zu sein," sagte ich, „Sie sind modern in Ihren Arbeitsmethoden, in Ihrer Erziehung, in Ihrem persönlichen Geschmack. Sie können doch nicht ernstlich glauben, daß der Schöpfer des Weltalls Wert darauf legt, daß Lederriemeri um den Arm geschlungen werden" — und ich stellte all die wohlbekannten Fragen, die meinen Standpunkt aus der Bibel rechtfertigen sollten. „Das glaube ich ganz gewiß nicht", erwiderte M. Laredo.

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