Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Reisetagebuch aus Marokko
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 248 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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248 ME NO RAH zusammen, ihre Strömungen wurden träge und schlapp. Die getünchten Wände zu beiden Seiten drängten sich an unsere Ellenbogen, das Stückchen Blau hoch über unsern Häuptern schwand zu einem schmalen Faden, die langausschreitenden, verhüllten Gestalten ringsumher verlangsamten ihren Schritt mehr und mehr, schließlich blieben sie in den Haustoren stehen — es war, als sei die Uhr in einem Spiel werk abgelaufen. Reisende haben oft darauf hingewiesen, daß ein plötzlicher Klimawechsel merkwürdige Wirkungen hat, besonders in der Gegend der Eingeweide. Ein plötzlicher Wechsel der Jahrhunderte ist nicht minder unangenehm, kann ich dem geneigten Leser versichern. Und es gibt keine Pille dagegen — XLine aufwärts weisende Hand neben einer Türe hingeklecksl; hastig trippelnde kleine Männer in Schwarz, mit schwarzen Käppchen; unverschleierte Frauen mit bunten Schultertüchern; Schwärme kecker Kinder — wir sind offenbar im Ghetto angelangt. Aus dem Düster eines Torbogens ertönte ein nasaler Gesang, er schwoll an und trug uns auf seinen Wogen in eine vertraute Welt. Oberhalb des Torbogens war ein Davidstern in das Maßwerk eingelassen. Zum erstenmal erschien er mir nicht als ein unfruchtbarer, sinnloser Schmuck, sondern als ein Kompaß in der Wüste. Wir waren in dieser mittelalterlichen Welt hilflos und steuerlos verirrt und er zeigte uns den Weg. Wirkliche Juden gehörten in diese seltsame Welt hinein. Und wir. die wir bei aller Anstrengung unserer Einbildungskraft niemals Araber oder Berber hätten vorstellen können, konnten doch halbwegs glaubhaft, wenn auch plump und ungleichmäßig, wirkliche Juden spielen, konnten halbwegs, wenn auch gleichsam nur stückweise und zeitweilig, in den sonderbaren Rahmen hineinpassen. Unsere seelische — hm, Konstipation wich. Wir fühlten uns angenehm erleichtert. Die Welt wurde wieder größer. Das enge Gäßchen wurde zu einer ganz annehmbaren Straße, in der zu unsrem Staunen drei Esel Seite an Seite humpeln konnten. Die Stadt mußte ungeheuer groß sein, vielleicht zwei Stunden Wegs von einem Ende zum andern. Und Fez lag für uns Bewohner des Mittelalters weit, weit fort, zehn Tage Karawanenreise. Auch die Zeit dehnte sich entsprechend. Der Eseltreiber vor uns weiß nichts von Ford — Jahrhunderte trennen die beiden. Seine Stunde hat mindestens sechshundert Minuten. Und wenn er sich noch so sehr beeilt, braucht er zehn Jahre, um von Herbst zu Herbst zu leben.