Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Article
- Reisetagebuch aus Marokko
- Date
- 1931-05-01
- Page
- 245 (sequence 1)
- Language
- German
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REISETAGEBUCH AUS MAROKKO erführt von gewissen Kunsttheorien, waren wir von Gibraltar f unterwegs nach Marokko, und zwar fuhren wir zuerst dahin, um nachher Spanien zu bereisen. Wir hatten nämlich gelesen, daß die Kunst der Mauren, die ja in den Palästen, Moscheen und Synagogen Spaniens die höchste Blüte erreichte, ihren Ursprung in Marokko nahm. Aber Marokko sollte uns viel mehr zeigen, als wir geholTt hatten. Wie sollten wir ahnen, da wir es doch nur aus Büchern kannten, also im höchsten Grade unwissend waren, daß wir in Marokko nicht nur die alte maurische Kunst linden sollten, den erstarrten Schatten des mittelalterlichen Lebens ■—sondern daß sich unseren erstaunten, ja erschrockenen Blicken dieses mittelalterliche Leben selbst zeigen sollte, wie es in Marokko noch heute existiert, trotzdem es aus den von ihm geschaffenen Denkmälern Spaniens schon seit Jahrhunderten verschwunden ist. Gibraltar ist daher nicht so unbedeutend, wie man nach den Reisehandbüchern meinen sollte. Dieser Felsen, der einst der Angelpunkt Marokkos und Spaniens war, stellt heute den Vorposten des Mittelalters dar, des letzten Stückchens Mittelalter, das dem europäischen Touristen zugänglich ist. Delphine leisteten uns Gesellschaft, beruhigten uns darüber, daß wir uns noch in klassischen Gewässern befanden, und gaben uns -— leider vergeblich — ein gutes Beispiel, wie man diese genießen soll. Das Rollen und Hüpfen gelang uns freilich nicht schlecht, aber daß ein Genuß dabei war, kann man nicht behaupten. Ich sah meinen leidenden Reisegefährten nachdenklich und ungerührt zu und stellte fest, daß sie in einer Richtung wenigstens nichts von ihren Ahnen ererbt hatten. Kein Gewisser ist w7ohl mehr von Juden befahren worden als diese von Wind und Wellen zerquälle Straße. Schon unsere Vettern, die Phöniker, hatten hier einen Fährdienst organisiert, als wTir noch vierzig Jahre brauchten, um einen winzigen Fluß zu überschreiten. Hinter Hannibals Armeen — wenn nicht mit ihnen — fuhren dann die ersten Juden hinüber. Und manche von ihnen machten auch den Weg zurück. Dann begleiteten sie die Römer auf dem Zuge nach Mauretanien. Als die Vandalen das römische Nordafrika eroberten, zogen abermals Juden mit. Und als die Mauren Spanien besiegten, waren wieder Juden mit dabei. Dort rechts Von H. Ben Shahar I. Tanger