Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Die Kinder kommen heim ...
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 140 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2912821-2912908-2912911-2926500--10081-2926634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 MENORAH das Paar. Ein sehr lieber Goy, der Kaufmann, und er läßt einen aussuchen." Damit nahm sie einen Stoß gebrauchten Geschirrs und ging in die Waschküche nebenan. Plötzlich hörte man die Haustüre furchtbar krachen, und das Haus zitterte in den Fugen. „Den Kopf soll er sich an der Wand spalten!46 kam es boshaft aus der Waschküche. Frau Perez wußte, wer das war! Heimi blieb in der offenen Küchentür stehen, den teuren weichen Hut schief über's Ohr gedrückt, die Zigarette im Mundwinkel. Ihm ekelte vor dem Wäschegeruch, der Unordnung, dem Halbdunkel, und besonders vor dem Anblick des Bruders. Immer hatte der Kerl die Nase im Buch stecken! Pfui Teufel! Übel konnte einem werden. Und wie er nur herumlief, wie ein Landstreicher, wie ein Bettler, nicht wie ein anständiger Jud'! Selbst die Goyim, die am Samstag aus den Dörfern hereinkamen, waren besser angezogen. Diese Brille bloß, aus Eisen oder was das war! Warum kaufte der Esel sich nicht eine ordentliche Hornbrille wie andere Menschen? Zur Raserei konnte er einen bringen, jawohl! „Was ist denn mit dem Gas?" fragte Heimi, während er die Küchentüre hinter sich krachend ins Schloß warf. „Warum macht Ihr denn nicht Licht?" Dunkelheit bedrückte Heimi. Er liebte alles, was hell und glänzend war. Er rieb ein Streichholz an. Das grünliche Licht an der schirmlosen Gasflamme zeigte Heimis hochgewachsene, breite Gestalt, sein dickes Gesicht, die Insel lockigen braunen Haares, die gleichsam oben auf seinem rasierten Schädel schwamm. Sein teurer, gutgeschnittener Anzug war vorzeitig abgenützt, weil er ihn auch zur Arbeit trug, und die hypermodernen Beinkleider, weit wie Glocken, tanzten über den Lackschuhen und sammelten allen Staub und Schmutz der Straße auf. Wie Perez, roch auch er nach Petroleum — das untrügliche Zeichen des Gummimantelarbeiters. „Du kannst dir morgen dein Werkzeug holen", teilte er Perez mit. ..Rausgeschmissen. Geyser läßt es dir sagen." Perez preßte die Lippen zusammen. Er hatte die Entlassung erwartet. Das Geschäft war grade sehr flau, und natürlich entließen sie da den langsameren Arbeiter zuerst. Die Gummimantelindustrie war wenig stabilisiert, besonders in den kleineren Betrieben gab es immer kurze Perioden, wo man gar nicht genug Überstunden machen konnte,