Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Article
- Aus dem Kunstleben
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 133 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912908-2912911-2926494--10063-2926627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
AUS DEM KUNSTLEBEN 135 sinnreiches Kapitel unserer Kultur — und weil weniger ein solches unserer Kunstgeschichte ist, diesem jungen Lehen sich zuwenden, seine Kräfte gebrauchen und planmäßig entwickeln — wäre das nicht auch Pietät? Und ist diese Pietät vor dem Leben, vor den endlich befreiten schöpferischen Kräften unseres Volkes nicht gerade so gut und edel, wie die andere? Von der Plastik Seit einigen Jahren ist Wien die Bildhauer schule für Palästina. Der jüngste dieser Reihe heißt Arje Reznik. Er ist in dem polnischen Kohlengebiet zu Sosnowjed geboren, ging 1920 nach Palästina und hat hier durch sechs Jahre, zuerst als Chaussee-, dann als Landarbeiter, an dem Aufbau des heiligen Landes mitgearbeitet. Bei Grabungen in Beth Alpha stieß man auf eine alte Anlage. Bausteine davon sind die Werkstoffe für die ersten freien Versuche Rezniks geworden. Nun hat er drei Jahre in Wien, in der Kunstgewerbeschule, bei Professor Steinhof, zugebracht. Und hat sich in dieser knappen Zeit überraschend entwickelt. Das liegt zum Teil an dem Lehrer, dessen Schüler vom Töpferhandwerk schnell auch im Figurenstück zu einfach großen Formen kommen, das liegt gewiß auch an dem Material, der Terrakotta, die schon aus ihrer Natur zu solchen Formen drängt. Ungefährlich ist solche Entwicklung nicht. Auch erschwert sie, infolge ihrer Parallelität mit den Entwicklungen der Kameraden, das Urteil, den Einblick ins Eigentümliche. Trotzdem wird man schon sagen dürfen, daß hier eine echte Begabung am Werke ist. ,,Die Hockende" von 1928 mit der sehr schwierigen und doch schon angenehm gelösten Gliederbildung ist wohl noch Lehnkunst, weniger schon das ,,Schreitende Mädchen" mit den ekstatisch erhobenen Händen. Die stärkste Erwartung erwecken aber die zwei „Umarmungen" aus dem Jahre 1930. Wohl ist auch bei diesen Gruppen die Gestaltung so leicht und schmiegsam, wie sie sich bei einem ursprünglichen Verlauf des plastischen Schaffens nur spät, als Zeichen der Reife ergibt. Wohl ist in einem der beiden Fälle der schwer und heftig bewegte innere Vorgang auf einen gefälligen Reiz der Erscheinung gebracht. Aber es wird schon zwischen Terrakotta und Granit, also zwischen den materiellen Bedingungen der Form gut unterschieden. Auf eine knabenhaft schöne Empfindung folgt eine tra gische, die schon vom Schicksal weiß. Und auch sonst wird in dieser letzten granitenen Gruppe schon sichtbar, was nun auf eigenen Wegen sich erfüllen müßte: der leidenschaftliche und doch beherrschte Ernst, der die reine plastische Form feierlich verwirklicht.