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Menorah · 1931-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1931) · p. Seite 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
9 (1931)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1931)
Article
Das Recht auf Leben
Date
1931-01-01
Page
Seite 60 (sequence 7)
Language
German
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60 ME N O RAH ob er sich bei einer Schandtat erwischt hätte, stürzte zu Boden, befreite das linke Bein Karmelis aus dem Striemen, legte den Körper zu Boden, riß ihm das Hemd los, betastete das Herz und sprach trocken: „Es ist vorbei. Holt die Spritze. Ihr wißt schon." Ja, wir wußten, um welche es sich handelte. Die letzte. Die befreiende. Mechanisch machten wir das Tor auf, führten das Tier hinein . . . JL/en ganzen Tag und die folgende Nacht war es still in der Siedlung. Nur das Platzen der vor Hitze verdorrten Balken in der Baracke und von Zeit zu Zeit das dünne, erwürgte Aufschluchzen einer Frauenstimme — Amis Jammer — war hörbar. Der aufgehende Tag schenkte uns eine milde Sonne und wehmütige Klarheit, die fast klingend war. Um acht Uhr standen wir im Zuge, bereit, Karmeli unter einem frisch gegrabenen Hügel im grünen Zypressenhain zur Ruhe zu bringen. Ein einfacher, ungehobelter Sarg, dahinter eine schwarze, geknickte Frauengeslalt, über deren Schulter die Zipfel eines schwarzen Schales hinflatterten. In den milden Morgen hineinflatterten. Sachlich und unbeirrt holten unsere Füße zum ersten Schritt aus. Doch da tanzte aus der Kinderbaracke ein heller, lachender Zug heraus und sieben goldige Kinderköpfchen schmiegten sich an Ami, zupften an der Gestalt herum und blickten — unbarmherzig verlangend zu ihr empor: „Ami, singen, Ami...", lallten sie melodisch. Ein Schauer ging durch die geknickte Gestalt der jungen Frau, als wrollte sie etw^as von sich abschütteln. Etwas, das starker war als ihr Jammer. Für einen Augenblick nur abschütteln. Aber es gelang ihr nicht. Das Stärkere stand da und verlangte sein Recht. Sein Recht auf Leben. Krampfhaft streckte Ami ihre Glieder, hob ihr blasses, erstorbenes Gesicht und wandte es den Kindern zu. Dann verließ sie den Sarg, langsam sich befreienden Fußes, führte die Kinder zum Spielplatz, lachte mit ihnen, sang und tanzte im Reigen. In ihren Augen klebten schwere Tränen, das Gesicht aschfarbig verkümmert, bewegte sie sich mit verzerrtem Lächeln und gebrochener Stimme. Die Zipfel des Schals flatterten über die Gold- und Schwarzköpfchen der Kinder . . . Der Morgen hüllte alles in ein Gewebe von Wehmut und starkem menschlichem Wollen. Behutsam hoben wir den Sarg und schlichen uns eilig davon, auf daß den Kindern ihr Recht aufs Leben nicht verkürzt würde . . .

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