Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Das Recht auf Leben
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS RECHT AUF LEBEN 59 „Diese Kosmetiker!" zischte Jascha zwischen den Zähnen und spuckte aus. Denn in dieses Wort steckte Jascha seine größte Verachtung. Alle, die nicht vollends auf die Beziehung zu Geist und Kultur — sei es in der Form eines Buches oder einer künstlerischen Betätigung— verzichten konnten, waren für ihn Kosmetiker, das heißt Menschen, die, verächtlich und hilflos, allen Gefahren ausgesetzt sind. Menschen, die keiner Situation gewachsen waren und sich immer im entscheidenden Moment als jämmerliche Gestalten zeigten. Er selbst — war kein Kosmetiker. Hatte den Kaukasus zur Heimat. Und, hiehergepflanzt, ward er zu Hause mit Landschaft und Menschen unmittelbar verwachsen. Nichts konnte ihm beikommen: weder eine Kugel noch das gelbe Fieber — denn beides hatte er schon in seinem jungen Leibe und stand doch auf. Stand immer wieder auf. Und war der gleiche, gerade Jascha. Wir liefen weiter, doch je näher wir an das Tor der Siedlung kamen, um so langsamer ward unser Trab. Als ob wir die letzte Gewißheit scheuen würden. Vor dem Tor angelangt, blieben wir stehen. Da stand das Maultier Karmelis schnaubend, mit Schaum bedeckt. Und unter ihm — eine zerfetzte, rottriefende Masse. Karmeli hing mit einem Fuß im Striemen, der Kopf zur Erde, das eine Auge weit ofTen mit dem Blick irgendwohin in eine traurige, unlösbare Frage hinein, das Haar — klebrig und von einer schimmernden Flüssigkeit beschienen. Nur das eine freigemachte Bein lebte. Es zuckte ein bißchen, für sich allein grauenvoll lebend, und suchte einen Stützpunkt im Räume. Wir standen lange lautlos da. Bis einer einfach erklärend sagte: ..Er wollte abspringen, bekam den linken Fuß nicht frei. Verwickelte sich im Striemen. Der Kopf wurde an den Steinen — anderthalb Kilometer lang — zerschellt." Ja, so wiar es. Die Erklärung stimmte. Wir sahen es ein und wußten doch nicht, wohin wir damit gelangen. Und so machte sich dieses Wissen um die eineinhalb Kilometer, an denen der Schädel dieses Menschen zerschellte, in uns breit und war alleinherrschend da. Sonst keine Regung. Weder physische noch seelische. Bis dann ein Ton, ein menschlicher Laut wie der Jammerschrei eines Urmenschen ausklang: „Verflucht! Verflucht!" War das wirklich Jascha, unser Jascha, der starke, der gerade, der aufschrie? Ja, für einen Moment platzte seine Geradheit, schrumpfte seine Stärke zusammen. Doch bald faßte er sich, machte eine Bewegung, als