Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Eisenwerk [Illustration]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 2)
- Language
- German
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JUDEN IN DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT 47 Jahrhundertwende gab es fast 1,9 Millionen Berliner. In knapp dreißig Jahren hatte sich die Berliner Bevölkerung abermals um mehr als 100 Prozent vermehrt. Mehr denn je wurde Berlin zum E x p onenten Deutschlands. Hier steigerten sich die Kraft und der Lebenswille des geeinigten Reichs ins Großartige, ja ins Kolossale. Man nannte Berlin ,,the most american city of Europe". Ein Aufstieg in solchem Ausmaß war nur in Amerika bekannt. Dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten schien diese Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten zu entsprechen. Denn wie jenes Riesenreich jenseits des Ozeans Millionen und Abermillionen, von Menschen in sich aufnahm, die in ihm Zuflucht von Not und Bedrückung suchten, wie es sie in kurzer Zeit zu einem Volk unischmolz, wie aus dem Deutschen, dem Engländer, dem Skandinavier, ja dem Italiener oder dem Juden der Amerikaner von eigener Prägung wurde, so ward Berlin, und nur Berlin der Hexenkessel, der Tausende und Abertausende anzog und sie umformte. Der Bauern söhn, der Handwerker, der Kaufmann, der Ingenieur, sie alle strömten aus den verschiedensten Gegenden nach Berlin, weil sie nur hier in dieser Weltstadt neue Möglichkeiten des Aufstiegs erhofften. Ein neuer Mensch entsprang dem Schmelztiegel: der Berliner war geschaffen worden. Unter diesen Elementen, die seit Jahrzehnten nach Berlin strömten, fanden sich auch viele Juden. Hier sahen sie andere Entwicklungsmöglichkeiten als in den engen Verhältnissen ihrer Heimat. Die meisten der jüdischen Wirtschaftsführer, die in Berlin wirkten, waren von Geburt keine Berliner. Stärker als in andern deutschen Städten macht sich in Berlin der jüdische Einschlag bemerkbar, größer als anderswo ist deshalb auch der Einfluß der Juden auf das Geschick dieser Stadt geworden. Die Juden haben dem Gesicht Berlins eine besondere Note verliehe n. Ohne das Fluidum des jüdischen Geistes ist das Tempo, das die Reichshauptstadt belebt, der amerikanische Charakter, den sie besitzt, undenkbar. War einst England das Vorbild, dem man nachahmte, so wurde es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Amerika. Ludwig LoewTe5 Emil Rathenau wurden als Schüler der Amerikaner zu Bahnbrechern des modernen Berlins. Aber sie kamen von ihren Reisen aus Amerika zurück, um das, was sie dort beobachtet und gelernt hatten, zunächst im Stillen in ihrem eigenen Werk zu nutzen und so dem Ganzen zu dienen. Sie übernahmen amerikanische Methoden, ohne sofort auch für den Lehrmeister Propaganda zu treiben.