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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. 599

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Zu J. L. Gordons 100. Geburtstag
Date
1930-11-01
Page
599 (sequence 1)
Language
German
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UNSERE ZEIT ZU J. L. GORDOMS 100. GEBURTSTAG Am 7. Dezember 18HÖ wurde zu Wilna einer der bedeutendsten und populärsten hebräischen Schriftsteller seiner Zeit geboren, der viel dazu beigetragen hat, die jüdische Selbsterkenntnis und das jüdische Bewußtsein zu heben und zu fördern. Jehudo Leib Gordon empfand so heiße, geradezu wehe Liebe für sein Volk, daß ihm, wie es Baron David Günzburg in einer Summelschrift der bekannten „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands" treffend ausdrückte, „jede Heimsuchung neue Begeisterung gab". Gordons Dichtung ist in das jüdische Leid getaucht und hat doch zugleich die Höhen trostreichen Ausblicks erklommen. Darum fand er den Weg zum Herzen der Jugend seiner Zeit. Bereits mit 14 Jahren ein hervorragender Talmtidist und llebraist, lernte er auch früh europäische und klassische Dichtung kennen. Im Jahre 1857 veröffentlichte er seine ersten Gedichte, die noch deutlich den Kintluß deutscher Poesie, vornehmlich Schillers, sowie der ersten hebräischen Dichtungen aus der frühesten Aufklürungszcit zeigen. Und schon damals war seine glänzende Beherrschung der Form bemerkenswert, doch ebenso die Tendenz, auf das jüdische Leben zu wirken. Bald war denn auch Gordon der geistige Führer der Aufklärung in Rußland, zu jener Zeit, da die llaskalah sich zum offenen Kampfe rüstete . . . „Mit Galle und Tränen" schrieb er seine Gedichte; voll von großem Realismus und schmcrzerfüllt grill er in die wunden Stellen des Volkskörpers ein und geißelte schonungslos die Irrungen der Führer, die starre Haltung der bildungsfeindlichen Orthodoxie; mit erschütternder Tragik polemisierte er gegen verschiedene minutiöse Vorschriften der Vergangenheit. Kr nahm sich auch als einer der ersten in seinen Dichtungen der unterdrückten jüdischen Frau an. Mit den Mitteln des Esprit und der Satire kämpfte er für die Aufklärung. Damals übernahm er auch das Sekretariat der LS72 gegründeten „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Rußlands", das er mit einer Unterbrechung (hervorgerufen durch eine Denunziation seiner jüdischen Gegner, die ihn revolutionärer l'Ullriche verdächtig machte und die Regierung veranlagte ihn zu verbannen), bis zu seinem Ableben im Jahre innehatte. Gordon war danmls im jüdischen Sinne wirklich revolutionärer Dichter, dein die Dichtung nur als Walle für den Kampf um ein höheres Ideal diente. Sein bekanntes Wort ,,Sei Mensch draußen und Jude daheim" war für seine Zeit ein Kampfruf und blieb für ihn lange das Motto seiner Publizistik, bis -die Wirklichkeil ihn mit Schrecken erfüllte. Die Assimilation in ge.vissen jüdischen Kreisen halte geradezu unheimliche Ausdehnung angenommen und plötzlich kam eine furchtbare Krnüchterimg — die Pogrome der 1 SSO er Jahre. Gerade halle Görden sein 21) jähriges Schriftsteller jubiläum gefeiert und war mit Ehrungen überhäuft worden, wie sie bis dahin nie einem hebräischen Schriftsteller zuteil geworden waren; da erfolgte der jähe Sturz aller Hoffnungen. Die Not der Zeil bewirkte eine allgemeine Einkehr zum Judentum, eine Zunahme des Interesses an der viellumdertjährigen Vergangenheil und an der nationalen Zukunft des jüdischen Volkes. Vorzugsweise die hebräischen Schriftsteller, die Freunde und Jünger Gordons waren es, die den jüdisch-nationalen Gedanken propagierten. Aufrecht und aufrichtig, wie Gordon es entschieden war. hätte er gegen die Bewegung Stellung genommen, wenn er ihr Gegner gewesen wäre: er konnte es aber keineswegs gewesen sein. Daß er, der ein Zellalter hindurch für Forlschritt und Aufklärung war. seiner Muse nicht mehr neue Zionsgesänge abgewinnen konnte, ist erklärlich, da mit Auftreten der neuen Bewegung seine Schaffenskraft und Schaffensfreude bereits den

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