Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Brief aus Polen
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 582 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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MENÜRAH Monate gebaut worden waren, blieben indessen hinge Jahre stehen und stabiliseiien ihre provisorische Hinfälligkeit zu einem charakteristischen Lokalkolorit. Sic erinnern an gestellte Bilder in Filmateliers und an primitive Buchdeckelillustrationen in kalifornischen Erzählungen und an Halluzinationen. Es scheint mir, der ich mehrere große Industriegebiete kenne, daß nirgends die nüchternen Geschäfte so phantastische Physiognomien tragen. Hier schweifte der Kapitalismus in Expressionismus aus. Und es scheint, daß dieser Ort seinen phantastischen Aspekt behalten wird. Die Stadt wandert nämlich — und keineswegs etwa nur in einem metaphorischen Sinn. Während die allen Quellen zeitweise stagnieren, eröffnen sich neue und die staubige Slraße wandert dem Petroleum nach. Sie schiebt ihre Häuschen vor, schlängelt sich zu einer Biegung und dehnt sich beflissen den Launen des Petroleums entgegen. Stehen in Boryslaw selbst und in Tustanowice die meisten Gruben still, so hämmern Tag und Nacht in Mraznica schon die Bohrer. Ich kann mich von der Vorstellung kaum befreien, daß diese Straße unendlich sein wird, ein langes, weißes, staubiges Band über Höhen und Tiefen, verschlungen und gerade, provisorisch und dennoch während, hinfällig wie das menschliche Glück und dauerhaft wie die inen seht i eh e B eg i er de. Ich will Ihnen gestehen, daß der Anblick dieser großen Stadl, die hauptsächlich aus einer Straße besieht, mich die realen Gesetze ihrer Gesellschaftsordnung vergessen ließ. Für einige Stunden schienen mir die Spekulation und die Leidenschaft des Geldverdienens elementar und beinahe geheimnisvoll. Die grotesken Gesichter, die hier die Gewinnsucht schnitt, die fortwährend gespannte Atmosphäre, in der sich die unheimlichen Übeimachlkalastrophen jeden Tag ereignen konnten, weckten mein Interesse mehr für die literarisch behandlungsfähigen Schicksale als für die alltäglichen. Die Tatsache, daß es auch hier Arbeiter und Angestellte, Lohntaxen und Arbeitslose geben mußte, verschwand oft hinter der romanhaften Qualität der Individuen. Die Phantasie war lebhafter als das Gewissen. Immerhin geht es den Erdölarbeitern unvergleichlich besser als etwa Grubenarbeitern. Es sind Qualitätsarbcitcr, auch hier. Der durchschnittliche Tageslohn eines Gehilfen beträgt 9 Zloty, also 4'50 Mark, die Arbeit dauert 8 Stunden. Ein Werkmeister erhält 12 Zloty. Die Arbeitsbedingungen sind verhältnismäßig günstig. Man arbeitet in einem wenn auch nicht luftigen, so doch luflnahen Baum und der Geruch des Erdöls ist keineswegs unangenehm und soll sogar