Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Der Weltkrieg als ein Wendepunkt im sozialen und wirtschaftlichen Leben des Ostjudentums
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 575 (sequence 19)
- Language
- German
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DER WELTKRIEG ALS EIN WENDEPUNKT Rußland besuchen und der ganze Ansiedlungsrayon stand in einem regen Wirtschartsverkehr seihst mit den entlegensten Gebieten des russischen Reiches bis zur weiten Küste des Stillen Ozeans. Und doch klagten die Juden, daß sie in den Städten des Ansiedlungsrayons „eingepfercht" seien. Um wie viel schwieriger ist die Lage der Juden in Polen, die jetzt sogar von weit größtem Teil des gewesenen Ansiedlungsravons gänzlich abgeschnitten sind. Das mußte zu katastrophalen Folgen führen. Die gewaltige Kurzwareninduslrie von Warschau, in der ein großer Teil ihrer zahlreichen jüdischen Bevölkerung beschäftigt war, hat ihre frühere Bedeutung verloren. Ganze Städte wie Wilna mit seiner Trikotagenindustrie, Bjalyslock mit seiner Tnchindustrie, Brzesin mit seiner Kleiderinduslrie usw. sehen wie abgestorben aus. In den kleineren Staaten kann es selbstverständlich nicht besser stehen. Es ist auch festzustellen, daß die neuen Grenzen sehr oft im Gegensätze zu den wirtschaftlichen Gegebenheiten stehen, so ist polnisches Wilnagebiet durch zwei undurchdringliche Grenzen gegen Westen und Osten, das Bergland Karpathorußlands von der ungarischen Ebene, zu der es wirtschaftlich tendiert, abgeschnitten usw. schaftlichen Lebens der neuen Staaten kommen, und diese geschieht unter schwierigsten Bedingungen. Der Aufbau eines neuen Staates ist immer ein kostspieliges Unternehmen, und je kleiner der Staat ist. desto mehr ist er gezwungen, seine Einwohner mit Steuern zu belasten. Dabei fordert die noch immer gespannte politische Situation große Rüstungsausgaben. Insbesondere die Gefahr des aggressiven Bolschewismus lastet schwer auf allen Handslaalen. Die ausschließlich in dem Handel und der Industrie tätige jüdische Bevölkerung hat von dieser gründlich gelinderten Situation am meisten zu leiden. Und ihr Unglück besteht noch darin, daß die neuen Regierungen trotz des Grundsatzes der formellen Gleichberechtigung aus nationalen Rücksichten eine mehr oder weniger negative» Stellung den Juden gegenüber einnehmen. Diese neuen Staaten besitzen kein starkes nationales Bürgertum und zu ihrer nationalen Konsolidierung möchten sie sich ein solches heranbilden. Auf dieses Ziel ist besonders die Politik des polnischen Staates folgerichtig eingestellt. Man wälzt die schwere Steuerlast auf die Schullern der jüdischen Bevölkerung ab und drosselt durch sie absichtlich den jüdischen Handel und die jüdische Industrie. Man hebt die Gewerbefreiheit auf und führt ein mittel - mnß zu einer grundlegenden Umstellung des ganzen wirl-