Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Der Weltkrieg als ein Wendepunkt im sozialen und wirtschaftlichen Leben des Ostjudentums
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 568 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912907-2925961--09683-2926120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M ENÜR A II Wie die kaiserliche Regierung vor hundert Jahren versuchte auch die kommunistische Regierung die Juden in Bauern zu verwandeln. Die jüdische Kolonisation entwickelte sich jetzt hesser als im vorigen Jahrhundert, Doch konnte man auch jetzt in der Kolonisation kein Mittel zur Linderung der wirtschaftlichen Not der jüdischen Massen erblicken. Dazu ist diese Unternehmung zn kostspielig; das europäische Rußland leidet auch stark an agrarischer Übervölkerung und ist kein passendes Terrain für eine großzügige Kolonisalionsbewegung. Nachdem seil Herbst 1929 die Sowjelregierung die jüdische Kolonisation nur unter der Bedingung der Kollektivisierung der Siedler zuläßt, hat sie überhaupt keine Aussichten mehr auf Erfolg. Der Umbau der jüdischen Wirtschaftstätigkeit ist aber dadurch noch außerordentlich erschwert, daß der kommunistische Staat sich allmählich zu einem Ständestaat enlwickelt hat. Das Ziel des Kommunismus ist die Vernichtung der Klassen, die restlose, nicht nur rechtliche, sondern auch wirtschaftliche Gleichheit aller Bürger. Aber das ist nur Zukunftsmusik. In der revolutionären Periode, in der der Kommunismus sich befindet, kann nicht nur von der wirtschaftlichen, sondern auch von der rechtlichen Gleichheit der Bürger, auf der der sogenannte ..bürgerliche" Staat aufgebaut ist, keine Rede sein. Die Rechte der Bürger sind durch die Rolle, die sie beim Aufbau des Sozialismus spielen, bestimmt. Dabei, wie es für einen Ständestaat charakteristisch ist, ist der Übergang von einem Stand in den anderen außerordentlich erschwert, sogar die Rechte der Kinder werden durch die rechtliche Lage der Eltern bestimmt. Bei der Bewerbung um eine Stelle in der Fabrik, in einem Bureau wird nicht nur nach der früheren Beschäftigung, sondern auch nach der Herkunft gefragt. Auch vor dem K lassengericht ist die Lage der Vertreter verschiedener Slände grundsätzlich verschieden. Was aber die frühere Bürgerklasse anbctriil't, so setzt sich die kommunistische Regierung zum Ziel, sie nicht, nur zu depossedieren. nicht nur zu entrechten, sondern sie als ..Klasse zu liquidieren ', das heißt samt ihren Familien dem körperlichen Untergang zuzuführen. Je weiter der Ausbau des Sozialismus fortschreitet, je weiter die Ausrottung der privaten Wirtschaft vor sich geht, desto holVnungsloser gestaltet sich die Lage der gewesenen bürgerlichen Klassen. Ihr Hab und Gut ist enteignet, ihre allen Krnährungsquellen sind verstopft, und zu neuen Berufen läßt: der einzige Arbeilgeber, der kommunistische Staat, sie nicht zu. So wird mit dem körperlichen Untergange der kapitalistischen Klasse auch der kapitalistische Geist gründlich ausgerottet. Das entspricht dem Ressenlimcntgefübl, das die russische kommunistische