Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 534 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912907-2925942--09616-2926086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
534 MENORAH Nach dem Kriegsausbruch im Jahre 1914 wanderte ich, da ich den Mordwahnsinn, der die Welt ergriffen hatte, nicht mitmachen wollte, mit meiner inzwischen auf vier Kinder angewachsenen Familie nach A merika aus, wo mir meine Eltern und meine Brüder schon vorher die Wege geebnet hatten. Ich und meine Brüder wurden auch amerikanische Staatsbürger. In Amerika wurde die schon bestehende Verbindung mit dem „Vorwärts" noch fester geknüpft. Das Blatt setzte mir einen bescheidenen Gehalt aus, ohne mir jedoch eine andere Verpflichtung aufzuerlegen, als daß ich alle meine vollendeten Prosawerke dort zuerst veröffentliche. Dies gab mir die Möglichkeit, in Ruhe zu arbeiten und meiner Familie eine bescheidene Lebensführung zu sichern. Unter dem Eindruck des Krieges schrieb ich damals das Buch ,,Motke der Dieb". Ferner entstanden in Amerika der Roman „Onkel Moses" sowie —- beeinflußt durch die furchtbaren Judenverfolgungen während des Krieges die historischen Novellen Glaubensmartyrium" und „Die Zauberin von Kastilien". Dann folgten einige Bände Erzählungen. Doch während dieser Jahre in Amerika beschränkte ich mich nicht auf die Schriftstellerei. In der Zeit des Krieges fühlte ich mich, wie jedermann, als Soldat — jedoch nicht als Soldat der Vernichtung, sondern der Heilung. Ich widmete mich der Hilfstätigkeit der amerikanischen Juden für ihre gequälten Brüder und half nach Kräften, ihr Mitgefühl nicht nur für ihre unglücklichen Stammesgenossen, sondern für das ganze blutende Europa zu wecken. Zu diesem Zweck bereiste ich zweimal das ganze Land und hielt in den Städten Vorträge. Ich wurde Mitglied der großen Hilfsorganisation „American Joint Distribution Committee" und nach dem Waffenstillstand mit einer Kommission nach dem gepeinigten Europa entsendet. Als Delegierter des amerikanischen Hilfskomitees kam ich kurz nach dem Waffenstillstand nach Berlin und sah die Riesenstadt in den Tagen ihrer furchtbarsten Not. Ich darf mich rühmen, als erster das Gewissen Amerikas gegenüber der Notlage Deutschlands aufgerüttelt zu haben. Meine Briefe über die „hungernde Stadt" machten nicht nur in den jiddischen, sondern auch in den anderen Blättern Amerikas die Runde. Leider konnte ich aus gewissen Gründen nicht in meine Heimat, nach Polen kommen. Dagegen brachte ich — nicht ohne Lebensgefahr — durch die polnischlitauische Front Unterstützungsgelder von Kowno nach W i 1 n a, kurz nachdem die Polen diese Stadt durch einen Handstreich besetzt hatten. All das führe ich deshalb an, weil ich auf meine Hilfstätigkeit im Kriege ebenso stolz bin wie auf meine schriftstellerischen Leistungen . . .