Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. Seite 502

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Die Mischehe
Date
1930-09-01
Page
Seite 502 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912906-2925735--09557-2925897
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

502 MENORA II UNSERE ZEIT DIE MISCHEHE Die Mischehe im Judentum ist in erster Reihe ein h e v ö lkcr u n g s p o 1 i I i s c Ii e s Problem. Als solches ist es freilich nicht lösbar! Der Einfluß religiöser Ermahnungen und moralischer Hinweise soll gewiß nicht unterschätzt werden, aber nur in Einzelfällen werden sie Juden und Jüdinnen von Mischehen fernhallen. Eine Besserung der Verhältnisse könnte gewiß zu verzeichnen sein, wenn der religiöse Sinn in großem Maßslabe wieder erweckt würde. Da jedoch die llolVnung auf eine solche Umkehr auch nicht die geringste sachliche Grundlage hat, wird man sich damit abfinden müssen, d a Ü die Z a Ii 1 de r M i s c h e h e n n i c h t a b n i m m l, v i e 1leicht s o g a r n o c h w ä c h s t. Die allgemeine Lebensauffassung unserer Tage läßt es nicht zu, daß der Jude in einer so individuellen und einschneidenden krage seine persönlichen Wünsche und sein Glück zugunsten der Inleressen der Gemeinschaft hintansetzt. Die Mischehe ist aber auch, und das wird oft übersehen, ein g e m e i n d e p o 1 iti sch es Problem und eine Frage jüdischer Ehre. Ihre eigentliche Tragik bestellt darin, daß sie im jüdischen Leben immer mehr A n c r k e n n u n g gewinnt und daß man mit ihr rechnet. Wer eine Mischehe eingeht, kann nicht, wie etwa ein Täufling, moralisch verurteilt und vernichtet werden, über die innersten Angelegenheiten der Seele, über die Folgerungen, zu denen die Empfindungen der Zuneigung und der Liehe führen, steht keinem Fremden ein Urleil zu. Sobald also eine Mischehe geschlossen wird und der jüdische Teil aus jeder verantwortlichen Stellung im jüdischen Leben ausscheidet, hört unser moralisches Recht auf, uns in die Dinge zu mischen. Schwierig wird die Frage erst, w e n n in M i s c h e h c 1 eb ende J u d e n i m j ü d i s c h e n G cm e i n d e 1 e b e n o d e r i n j ü d i s c h e n V ere i n e n u n d O r g a n i s a t i o n nicht n u r schlichte M i t g 1 i e d er sein — das darf und wird man ihnen nicht verwehren -— s o ii (I e r n w e n n sie in leite nd e r u n d e n l s c h e i d e n der Stell u n g V e r a n l w o r l u n g t r a g e n w o 1 1 e n. l'm Mißverständnisse zu vermeiden, sei hier bemerkt, daß unter einer Mischehe nicht etwa die Heirat mit einem zum Judentume ühergetrclenen Partner verstanden werden darf. Prosolylen und Proselylinnen müssen vom religiösen Standpunkte aus als vollwertige Juden betrachtet und behandelt werden. Was nun die Anerkennung der Mischehen anbetrifft, sind die Verhältnisse recht trostlos. Es gibt Gemeinden in Deutschland, in denen V o r s l e h e r u n d V e r t r e t e r Ehen, mit Chrislinnen geschlossen haben, ohne daß man dabei etwas findet. Viele maßgebende Persönlichkeiten dulden es und billigen es, wenn ihre K i n d er Mi s c h e h e n schließen, ohne daß sie darin einen Anlaß zur Amtsniederlegung erblicken. Es ist sogar vorgekommen, daß der Vorstand einer Gemeinde offiziell g r a t u 1 i e r t h a t, als die Tochter eines Repräsentanten sich mit einem Niehljuden verheiratete. Und wie in den Gemeinden ist es auch in den () r g a n is a t i o n e n. Viele von ihnen werden von Männern geleitet, die mit Chrislinnen verheiratet sind. Und bemerkenswert ist, daß diese ..milde" und schwächliche Auffassung nicht nur in liberal-assimilatorischen Kreisen zu linden ist. Auch ausgesprochene Nationaljuden und, was noch verwunderlicher ist, sireng Orthodoxe nehmen an der verantwortlichen Mitarbeit von Juden, die in Mischehe leben, in Gemeinden und jüdischen Organisationen keinen Anstoß. Daß solche Juden in jüdischen Vereinigungen, die politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Zwecken dienen, die Mitgliedschaft erwerben dürfen, ist selbstverständlich. Sie gehören zur jüdischen Gemeinschaft und ihre persönlichen Interessen auf den oben genannten Gebieten müssen gewahrt werden. Seltsamer ist es freilich, daß auch solche Verbände, die j ü d i s c. h e L e b e n s g e m e i nschaft zum Ziele haben, in der Hauptsache die j ii d i s c h e n L o g e n und die stu d c n-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.