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Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. Seite 474

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Camillo Pissarro
Date
1930-09-01
Page
Seite 474 (sequence 2)
Language
German
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474 MENORAH gelacht, vom Publikum als solcher boykottiert, von seinen Freunden obendrein als lau und unkonsequenl angegriffen, mußte Pissarro in jener Zeit jede Qual auskosten, die aller wartet, die nicht blinde Parteigänger zu sein vermögen. Jene Straffheit der Form aber, die Pissarro, dem Südländer, so sehr im Blute steckte und am Herzen lag. brachte ihn zwar mit allen bisherigen Weggenossen auseinander, doch führte sie ihn mit einem zusammen, der für viele entschädigen konnte. Cezanne nämlich, gequält von dem Bemühen, aus dem Chaos der impressionistischen Farbatome zu Körpern zu gelangen, näherte sich in jenen Tagen Pissarro, bei dem er die Qualitäten bewahrt sah, um die er rang. Kurz jedoch dauerte auch diese Arbeitsgemeinschaft, denn da der eine suchte, wessen der andere nie verlustig ging, waren es keine richtigen Gefährten. Noch einmal sehen wir Pissarro mit einem Kameraden neue Wege suchen. Seural, der von einem Physiker die extreme Auseinnanderlegung von Tönen lernte, gewann ihn für den Pointiiiismus und. seine schwer errungene Position aufs Spiel setzend, folgte ihm Pissarro tapfer auf diesem gefährlichen Pfad. Zwei Jahre ging er dein Experiment nach, um dann in einsichtsvoller Selbsterkenntnis diese extremistische Richtung aufzugeben. Sie war auch wirklich seinen Arbeiten höchst unbekömmlich. Einstweilen ist Pissarro alt geworden. In den 13 Jahren, die er nach dieser letzten Etappe noch lebte, maJte er seine schönsten Bilder: Landschaften von entzückender Luftigkeil und' Zartheit, Schneebilder, die nicht leicht ihresgleichen linden, Szenen aus dem Leben auf dem Lande, unpathetisch und unsentimcnlal, doch packend durch ihre Wahrhaftigkeit und bahnbrechend für die folgende Generation, Sladtansichten und daneben Lithographien, Aquarelle, Gravüren, Zeichnungen und Guasche, deren Technik er eigentlich erfunden hat. Er war unter den Impressionisten einer der Großen und bestimmt der „normalste" von ihnen, der ausgeglichenste. Vom Süden, dem Lande des weißen Lichtes und der klaren Linien kommend, war er von Haus aus ebenso für die Farben und Lichtreize unseres Klimas besonders empfindlich, wie er dagegen geleil war, jedes Formengei'iihles verlustig zu gehen. Deswegen blieb er frei von den Einseiligkeilen seiner F""reun.de und frei von den qualvollen Kämpfen, die sie mitzumachen hallen, als sie aus den Sackgassen, in die sie sich verrannt halten, herauszugelangen suchten. Allerdings auch bar der Größe, die Fanatikern und Ringenden anhaftet. So ward ihm eigentlich seine glückliche Begabung zum Verhängnis. Denn ist es die Folge der Abstumpfung unserer Nerven, die nur noch auf starke Reize reagieren oder liegt es an einer eingewurzelten romantischen Einstellung, die uns das Verdienst an der Größe der Irrwege messen läßt. Pissarros dämonischere Kameraden ,,rühren, wie paradox es auch sein mag. viel mächtiger unsere Menschlichkeit", als seine harmonische, geradlinige Natur. Pissarro ist bekanntlich einer der ersten .luden, die in der Kunst eine Rolle spielen. Zeitgenossen erzählen viel von seiner würdevollen Gestalt und dem edlen Gehaben, das an biblische Patriarchen denken ließ. Der Wahrheit und seiner Kunst diente er auch wirklich von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mil all seinen Krüflen, ohne jedes Kompromiß ständig bereit, ihnen zuliebe vertrautes Gebiet zu verlassen und auf die Wanderschaft ins Engewisse zu gehen, mit einem Wort so. wie Urväter Gott zu lieben geboten. Seine Kunst selbst gilt als „imjüdisch". Das Gegenteil behaupten zu wollen, wäre müßig. Doch ist zu beachten, daß das Neue, mit dem er Europas Kunst bereicherte, daher stammt, daß er ein Fremder war, der anders als die andern die Iniwell empfand. Damit ist in seiner Person das typische Schicksal und die typische Bedeutung unserer Geistigkeit in d'en Kulturen, an denen wir mitarbeiten, ausgeprägt. So gesehen, beansprucht, er mit Recht, mit allzuviel Recht vielleicht, den Titel eines Ahnherrn unserer jungen jüdischen Kunst. Airrclie Göttlich

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