Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Josef Achron
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 463 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSEF ACHRON 463 keit des Melos und die geistreiche Gestaltung der einzelnen Charakterbilder offenbaren uns die wahre Begabung Achrons. Es folgen nun die Bühnenmusik zum „Bclsazar"', ein Bibelfragment ,.Sumuelis" und das Violinkonzert op. 60 (komponiert 1925). Achron geht der überlieferten Konzertform aus dem Wege und baut sich sein eigenes formales Gebäude. Die Freiheit, ist jedoch last zur Formlosigkeit gesteigert, die die Aufnahmefähigkeit des Hörers, besonders beim anspruchsvollen eisten Satz, beeinträchtigt. Themalisch sind viele fruchtbare Samenkörner eingesetzt, aber leider zu wenig organisch miteinander verbunden. Bei der Häufung verschiedener synagogaler und eigener Themen isl die Proportion zu wenig gewahrt, der architektonische Aufbau dadurch zerstört, die Gesamlwirkung zertlatterl. Unverstand lieh, zum Teil auch für das geschulte Auge und Ohr, bleibt die Harmonisierung. Manche Mchrklangbildungen und kombinierten Akkorde erscheinen hier funktionell ungerechtfertigt, nicht im Motivischen eingewurzelt, und beschweren unnötig den ohnehin komplizierten Satz. Das ganze scheint mir zu gewollt. Schade! Dagegen halte ich den zweiten (letzten) Satz vom Anfang bis zum Ende für eine Schöpfung voll packender und bezwingender Wirkung. Das temperamentvolle, rhythmisch äußerst lebendige jemenitische Tanzlied umgibt er mit einer brillanten, geistreichen Varialionslechnik, mit einem kurzen Mittelteil von hübscher Kantabilitüt und einer ..reißerischen" Coda. Auch dieser Satz ist voll rhythmischer und harmonischer Kompliziertheit. Dessen ungeachtet ist es möglich, den Aufbau und den Charakter zu verfolgen und zu verstehen. Für den Schaffenden gilt immer nur die Zukunft. Die (regenwart ist ihm oft schon Vergangenheit. Erst rückschauend vermögen wir die einzelnen Phasen zu erkennen, aus der Gesamtheit die Zusammenhänge richtig zu werten. Später wird man sicherlich auch die Bedeutung dieses Violinkonzertes im Schaffen Achrons hesser verstehen können. Indem ich auch die Kritik nicht unterdrücke, will ich nur das Verständnis für ihn fördern. Die Bedeutung der übrigen Werke, das Besondere dieses jüdischen Musikers, bleibt dadurch unberührt. Ich sehe in Achron die Verwirklichung der musikalischen Begabung im Sinne des jüdischen Wesens, die der jüdischen Musik neue Richtung weist. Gewiß ist das Subjektive aus dem Kunstschaffen nicht, wegzudenken, aber die musikalische Kunst der Juden kann heute noch nicht persönlicher Ausdruck einer einzelnen Individualität, sondern müßte tiefer Ausdruck eines neuen Lebensgefühls des gesam ten Volkes sein.