Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Eine Geschichtslüge
- Date
- 1930-09-01
- Page
- 444 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EINE GESCHICHTSLÜGE Der „Schwindler und Betrüger" Jud Süß Von E. G. Fried Am 4. Februar 1738 wurde Joseph Süß Oppenheim er, der Ge- Jieime Finanzrat, Oberhof- und Kriegsfaktor, Schatullenverwalter und Münzdirektor des etwa elf Monate vorher verstorbenen Herzogs Carl Alexander von Württemberg, auf dem Stuttgarter Galgenberg vor nicht weniger als 12.000 Zuschauern gehenkt. Bis heute wird in Geschichtsbüchern und insbesondere in wirtschaftshistorischen Schriften behauptet, Oppenheim er sei ein schlimmer Blutsauger gewesen, der Württemberg ausgeplündert habe, um sich zu bereichern, und er habe sein Schicksal wohl verdient. Das Bild, das der schwäbische Dichter Wilhelm Hauff in seinem genau ein Jahrhundert nach Oppenheimers Ende erschienenen Roman ,,Jud Süß" entwirft, unterscheidet sich auch heute nicht von den „geschichtlichen" Beurteilungen des Wirkens und der Person dieses angeblichen Betrügers. Und dieses Urteil ist noch immer nicht revidiert, obwohl es schon lange als falsch erkannt ist, obwohl die Schriften von Manfred Zimmermann (1874), Kirchenrat Kroner (1903) und andere auf Grund eingehender Studien des historischen Materials, soweit es damals zugänglich war, auf die Unrichtigkeit dieses Urteils hinwiesen und obwohl seither durch unmittelbare Einsicht in die Akten des Prozesses Oppenheimer Elwenspoek (1926) und Selma Stern (1930) in ausführlichen Arbeiten die historische Wahrheit, soweit sie sich feststellen läßt, dargelegt haben. Joseph Süß war das Opfer eines politischen Justizmordes und sein Wirken in Württemberg wurde mit Absicht, um die Volksstimmung von den wahrhaft Schuldigen abzulenken, als unverantwortliches Treiben eines auf Raub und Betrug ausgehenden Juden hingestellt. Geschickte Regie setzte diese Lüge in Szene und hat damit ein Werk der politischen Ranküne vollbracht, das sich bis heute behauptet hat. Wie diese bewußte Geschichtslüge (nicht die einzige dauerhafte in der deutschen Geschichte) zustande kam und wie die Wahrheit ungefähr aussieht, soll hier in einem Lebensabriß des interessanten Mannes auf Grund der bereits erwähnten Forschun gen gezeigt werden: Joseph Süß Oppenheimer wurde am 12. Februar 1692 als Sohn des Issachar Süßkind Oppenheimer und dessen Gattin Michal in Heidelberg geboren. Das zu seinen Lebzeiten weitverbreitete Gerücht, er sei der natürliche Sohn des deutschen Ordensritters und