Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Hiob
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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HI OB 435 waren Mirjams Augen. Eine Krankenschwester saß neben ihr, Mac stand in einer Ecke, groß und ohne sich zu rühren, wie ein Möbelstück, „Da ist Mendel Singer", rief Mirjam. Sie streckte eine Hand gegen den Vater aus und begann zu lachen. Ihr Lachen dauerte ein paar Minuten. Es klang wie das Klingeln der hellen ununterbrochenen Signale auf Bahnhöfen und als schlüge man mit tausend Klöppeln aus Messing auf tausend dünne Kristallgläser. Plötzlich brach das Lachen ab. Eine Sekunde war es still. Dann begann Mirjam zu schluchzen. Sie schob die Decke zurück, ihre nackten Beine zappelten, ihre Füße schlugen in schneller Regelmäßigkeit auf das weiche Lager, immer schneller, immer regelmäßiger, während ihre geballten Fäuste im gleichen Rhythmus durch die Luft schwangen. Die Krankenschwester hielt Mirjam mit Gewalt fest. Sie wurde ruhiger. „Guten Tag, Mendel Singer!" — sagte Mirjam. ,,Du bist mein Vater, ich kann es dir erzählen. Ich liebe Mac, der da steht, aber ich habe ihn betrogen. Mit Mister Glück habe ich geschlafen, ja mit Mister Glück! Glück ist mein Glück, Mac ist mein Mac. Mendel Singer gefällt mir auch und wenn du willst--- Da hielt die Krankenschwester Mirjam die Hand vor den Mund, und Mirjam verstummte. Mendel Singer stand noch immer an der Tür, Mac stand immer noch in der Ecke. Beide Männer sahen einander fortwährend an. Da sie sich nicht mit Worten verständigen konnten, redeten sie mit den Augen. ,,Sie ist verrückt" — sagten Mendel Singers Augen zu denen Macs. „Sie hat ohne Männer nicht leben können, sie ist verrückt." Vega trat ein und sagte: „Wir haben den Arzt kommen lassen. Jeden Augenblick muß er da sein. Seit gestern spricht Mirjam wirr. Sie war mit Mac spazieren gegangen, und als sie zurückkam, begann sie, sich so unverständlich zu benehmen. Jeden Augenblick muß der Arzt da sein." Der Doktor kam. Es war ein Deutscher, er konnte sich mit Mendel verstehn. „Wir werden sie in die Anstalt bringen" — sagte der Doktor. „Ihre Tochter muß leider in eine Anstalt. Warten Sie einen Moment, ich wrerde sie betäuben." Mac stand noch immer im Zimmer. „Wollen Sie sie festhalten?" fragte der Doktor. Mac hielt mit seinen großen Händen Mirjam fest. Der Doktor stieß ihr eine Spritze in den Schenkel. „Bald wird sie ruhig sein!" sagte er. Der Krankenwagen kam, zwei Träger mit einer Bahre traten ins Zimmer. Mirjam schlief. Man band sie auf die Bahre. Mendel, Mac und Vega fuhren hinter dem Krankenwagen.