Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Hiob
- Date
- 1930-09-01
- Page
- 433 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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HIOB Von Joseph Roth Joseph Roth erregte vor wenigen Jahren durch eine Feuilletonreihe „Juden auf Wanderschaft" Aufmerksamkeit und wurde bald als Verfasser lebensvoller Erzählungen und Romane aus der Zeit bekannt und geschätzt. Sein jüngstes Werk „H i o b", aus dem wir nachstehend mit Erlaubnis des Verlages Gustav Kiepenheuer (Berlin) ein inhaltlich abgeschlossenes Kapitel zum Vorabdruck bringen, ist der „Roman eines einfachen Mannes", des Juden Mendel Singer aus Zuchnow. Mendel ist Bibellehrer, wie es sein Vater und sein Großvater gewesen, hat Frau und Kinder und führt ein stetiges Leben, in dem es weder Glück noch Unglück gibt. Dann aber wird ihm, einem neuen Hiob, Fluch und Segen des Herrn zuteil. Das Spätkind seiner Ehe, Menuchim, ist ein Krüppel, die älteren Söhne, Jonas und' Schemarjah, werden zum Militär genommen, Jonas dient aus freien Stücken, Schemarjah desertiert nach Amerika. Und als Mirjam, die heranwachsende Tochter, an den Kosaken des Städtchens Gefallen findet, drängt der Vater, um sein Kind zu retten, nach Amerika. Dort beginnt das Glück, aber nicht für lange. Denn der große Krieg bricht aus. Der Krüppel Menuchim ist schutzlos in Rußland zurückgeblieben, Jonas ist verschollen, Schemarjah zieht in den Krieg und fällt. Deborah, Mendels Frau, überlebt diese Schläge nicht und Mirjam, die Tochter, wird wahnsinnig. Einsam und verlassen, begreift Mendel Singer Gottes Tun nicht. Er lästert und schmäht ihn. An Wunder glaubt er nicht. Und doch — auch in das Leben eines einfachen Mannes kommt das Wunder, der Krüppel Menuchim lebt unid ist gesund geworden. Und Mendel Singer, mit seinem Gott versöhnt, findet Frieden und Ruhe „von der Schwere des Glücks unid der Größe der Wunder". Sieben runde Tage saß Mendel Singer auf einem Schemel neben dem Kleiderschrank und schaute auf das Fenster, an dessen Scheibe zum Zeichen der Trauer ein weißes Stückchen Leinwand hing und in dem Tag und Nacht eine der beiden blauen Lampen brannte. Sieben runde Tage rollten nacheinander ab, wie große, schwarze, langsame Reifen, ohne Anfang und ohne Ende, rund wie die Trauer. Der Reihe nach kamen die Nachbarn: Menkes, Skowronnek, Rottenberg und Groschel, brachten harte Eier und Eierbeugel für Mendel Singer, runde Speisen, ohne Anfang und ohne Ende, rund wie die sieben Tage der Trauer. Mendel sprach wenig mit seinen Besuchern. Er bemerkte kaum, daß sie kamen und gingen. Tag und Nacht stand seine Tür offen, mit zurückgeschobenem, zwecklosem Riegel. Wer kommen wollte, kam, wer gehen wollte, ging. Der und jener versuchte, ein Gespräch anzufangen. Aber Mendel Singer wich ihm aus. Er sprach, während die andern lebendige Dinge erzählten, mit seiner toten Frau. ,,Du hast es gut, Deborah!" — sagte er zu ihr. „Es ist nur schade, daß du keinen Sohn hinterlassen hast, ich selbst muß das Totengebet sagen, ich werde aber bald sterben, und niemand wird uns beweinen. Wie zwei kleine Stäubchen wurden wir verweht, Wie zwei kleine Fünkchen sind wir er-