Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Die Batlanim und Karl Marx
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 431 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE BATLANIM UND KARL MARX 431 Noch am selben Abend erzählte ich die ganze Sache meinem Großvater und bat ihn, sich für den armen Heschel einzusetzen. Am nächsten Morgen wurde er auch wirklich in den Kreis seiner bisherigen Freunde, der Batlanim, wieder aufgenommen. Er konnte aber jenen Abend nicht so leicht vergessen. Die Erschütterung, die er durchgemacht hatte, war zu stark. Sein Benehmen wurde immer sonderbarer, er konnte weder schlafen, noch essen, schrie und wTeinte in der Dunkelheit seines Stübchens, und mußte schließlich zum Arzt gebracht werden. Dieser stellte eine psychische Erkrankung fest und ordnete allerlei Mittel an, welche dem Kranken aber nicht mehr helfen konnten. Sein Zustand verschlimmerte sich zusehends ... Heschel hatte einen älteren Bruder, der in der Umgebung als Reisender tätig war, und sich auf solche Weise mühsam durchschlug. Des Bruders ganze Hoffnung auf die Genesung des Kranken bestand darin, daß dieser seine Mahlzeiten zu festgesetzten Stunden einnahm; er führte seine Heilmethode auch mit der größten Energie durch. Jeden Tag erschien er mit einer Schüssel bei seinem jüngeren Bruder und wendete seine ganze Kraft daran, ihn zu zwingen, daß er den Inhalt herunterwürge. Wenn ihm das nicht gelingen wollte, packte ihn eine furchtbare Wut; er schlug dann auf seinen Bruder ein, und setzte damit tatsächlich durch, daß er etwas zu sich nahm. Sobald aber der Bruder weg war, sagte Heschel einen Segensspruch für seine Befreiung, und steckte sich zwei Finger in den Hals, bis er die genossenen Speisen erbrochen hatte. Er war nämlich in seinem fieberhaften Zustand fest davon überzeugt, sein Bruder wolle ihn vergiften, um seinem Leben ein schnelles Ende zu machen. ,,Dieser Schuft will meinen Tod'4, wiederholte Heschel oft, ängstlich um sich blickend. ,,Er fühlt wohl schon das Silber in seiner Tasche klingen, und ist also auch vom Teufel besessen wie die Reichen . . . Aber Gott ist mit mir und mir droht keine Gefahr.'4 So verging für den armen Heschel die Zeit; schwere, hoffnungslose läge, Wochen, Monate. Ich kann mich jetzt nicht mehr daran erinnern, wie lange dieser furchtbare Zustand dauerte. Aber sein Martyriuni wiederholte sich jeden Tag. Jeden Tag kam sein Bruder zur Mittagszeit, jeden Tag weigerte sich Heschel, etwas zu sich zu nehmen, wurde dann beschimpft und geschlagen, und würgte später so lange, bis er sich der gewaltsam aufgezwungenen Speise glücklich entledigt hatte. In demselben Bethause, wo Heschel seine armselige Kammer am Ende eines langen, dunklen Ganges hatte, war seit vielen Jahren ein alter Mann namens Reb Schmuel beschäftigt. Damais mochte er viel-