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Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. Seite 424

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Die Batlanim und Karl Marx
Date
1930-09-01
Page
Seite 424 (sequence 2)
Language
German
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424 MENORAH Rabbi Usiel, ergänzte die Erzählung seines Freundes durch die Mitteilung, der Gymnasiast „Schmuelke", der Sohn Ize des Handschuhmachers, hätte dieses Buch mit der größten Begeisterung von der ersten bis zur letzten Seite gelesen und dann immer wieder, etwa so, wie man den heiligen Sohar3) liest. Diese Tatsache verfehlte natürlich nicht, die Neugierde Rabbi Usiels zu erregen. Er bat den Gymnasiasten, ihm ganz ausführlich über das Buch zu erzählen, denn er war sehr begierig zu wissen, was darin stände. Auch interessierte ihn die Frage sehr, ob der Verfasser des Buches wirklich ein Jude sei. Es schien ihm wundersam, daß ein Jude, der doch die Thora, das heißt, die ganze Weisheit der Welt besaß, sich damit befaßte, eine neue Wahrheit zu scharfen. Sogar wenn es sich herausstellen sollte, daß das Buch ketzerisch und falsch sei, wollte er doch den Inhalt kennenlernen. Hier handelte er nach den Worten des Talmuds: „Du mußt wissen, was du einem Ketzer zu antworten hast." So kam es, daß Rabbi Usiel das Werk von Karl Marx aufmerksam durchstudierte . . . „Sagen Sie mir doch, Rabbi Usiel, was in diesem Buche geschrieben ist", sagte einer der „Weisen" zu seinem „Leader". „Auch ich habe vom jungen Katschurin sagen hören, dieser Marx sei ein genialer Mann. Ich erkundigte mich sogleich, ob er ebenso genial sei, wie der Wilnaer Gaon4). Katschurin lachte mir aber ins Gesicht und erklärte mir, daß der Wilnaer Gaon mit diesem Genie gar nicht zu vergleichen sei. „Als ich das hörte," erzählte der Wißbegierige weiter, „wollte ich ihm gleich eine Ohrfeige geben, aber ehe ich Zeit hatte, diese Absicht auszuführen, versetzte er mir einen Schlag mit seinem Stock und jagte mich aus dem Hause. Ich wollte ihn daraufhin bei Gericht verklagen, aber man riet mir ab, so weit zu gehen. Man erklärte mir nämlich, der Vater Katschurins sei sehr einflußreich und es wäre unvorsichtig, sich in einen Streit mit ihm einzulassen. Ich überlegte mir die Sache und beschloß, mich davon zurückzuhalten. Wie dem auch sei, eines kann ich wiederholen: ich habe von diesem Buch sehr viel gehört und verstehe, daß Schmuelke und Katschurin miteinander gesprochen haben und daß sie beide ein und dasselbe Buch meinen. Ich gebe übrigens gerne zu, daß das Werk interessant ist, sonst hätte es nicht solches Aufsehen erregt. Es ist wahr, daß ich selbst wegen diesem Karl Marx schon viel gelitten habe und sogar mit dem Stock geschlagen worden 8) Sohar — berühmtes kabbalistisches Buch. 4) Wilnaer Gaon — Elia ben Salomon, auch Elia Wilna oder Elia Gaon genannt. Talmudist, Grammatiker, Mathematiker und Kabbalist.Berühmteßter Rabbiner der letzten Jahrhunderte. Scharfer Gegner des Chassidismus, gegen den er mit der größten Energie kämpfte. Er bekleidete das Amt des Rabbiners zu Wilna.

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