Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Im Fernen Osten
- Date
- 1930-07-01
- Page
- 405 (sequence 1)
- Language
- German
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IM FERNEN OSTEN Es war Frühling geworden. Der Storch kam heim in den nordischen Bauernhof, den er vor einem halben Jahre verlassen halte, und nickte dem Geflügel herablassend zu. ,,Er hat die Well gesellen, er wird uns viel zu sagen haben", gackerten und schnatterten die Daheimgebliebeneil, während sie ihn umdrängten. ,,Er zähle uns von deinen Eindrücken! Wie leben unsere Brüder in den warmen Ländern? Werden sie in Ägypten bedruckt? Steht es in Algier so schlimm, wie man sagt? Wie sieht es in Spanien aas?" Der Storch fühlte sich geschmeichelt. Er klapperte vielsagend mit dem Schnabel, räusperte sich mehrmals und begann endlich, während die arideren ihm andächtig lauschten: „Ich habe so viel gesehen, liebe Nachbarn, die Eindrücke waren so mächtig und zahlreich, daß ich noch ganz verwirrt bin. Doch will ich euch gern das Wichtigste erzählen, wie es mir gerade einfällt. — Spanien, sagt ihr? Algier? Ägypten? — Ja, in Spanien ist es mir ganz miserabel gegangen. Ein ausgedörrtes Land, nicht eine passable Wiese. Auf graue Eidechsen war ich angewiesen, ist das zu glauben? In Algier sieht es schon besser aus, da gibt es große Gemüsegärten mit Wassergräben — der richtige fette Teichfrosch gerät zwar dort auch nicht, aber es läßt sich immerhin leben. Ägypten, seht ihr, das ist ein herrliches Land! Schlamm, so weit das Auge reicht, man if3t von früh bis spät und dazu die ausgesuchtesten, schönsten Stücke —" Diese Geschichte (ich glaube, Lessing nacherzählt) pflegte meine Mutter zum besten zu geben, wenn wir Kinder mit unserer Weitgereistheit prahlten. Seit dreißig Jahren habe ich sie nicht mehr gehört, heute ist sie mir wieder eingefallen, als ich Israel Cohens Reisebuch*) las. WTas hatte der Mann doch für einzige Gelegenheit! Er ist für den Keren Hajessod •) The Journal of a Jewish Traveller, by Israel Cohen, London, John Laue Lt. in Australien, Manila und im Fernen Osten gewesen, noch dazu in den Jahren 1920/21, als es beinahe ein Vergnügen war, für Palästina Geld zu sammeln. Diese Aufgabe scheint er auch sehr gut gelöst zu haben, wobei ihm ein gewisser Mullerwitz und die Schlagfertigkeit, die der Siegreifredner braucht, gut zustatten gekommen sind. Er verzeichnet gewissenhaft jeden solchen Schlager aus seinen zahlreichen Ansprachen, auch wenn er ausschließlich lokales Interesse hat, und ist überhaupt von einer Selbstgefälligkeit, die manchmal beinahe rührend wirkt, so naiv ist sie: „Ich rang tapfer in jedem einzelnen Fall und entwickelte die Geduld eines Hiob und die Findigkeit eines Verteidigers in Strafsachen." Er sucht uns auch davon zu überzeugen, daß die Reise sehr strapaziös und gefährlich gewesen sei, so wenn er in Perlh (Australien) wehmütig bemerkt, nachdem er das verlockende Bullet auf einem jüdischen Ballfest geschildert hat: ,,Ich konnte nur einen Bissen nehmen, denn der Zug nach Adelaide ging um zehn." — Dem Leser tut förmlich das Herz weh! — Oder uenn er seitenlang von den Schrecken einer Bergstraße in Neuseeland erzählt, auf der er per Auto — man höre und staune! — eineinhalb Stunden lang bis zu der schwindelnden Höhe von 600 Meter geschleppt wurde. Er ist überzeugt, sein Leben in die Schanze geschlagen zu haben, und weigert sich entschieden, auf dem gleichen Wege zurückzukehren, obzwar ,,der Chauffeur sich bemühte, mich zu beruhigen: er habe die Straße schon zu allen Stunden des Tages und der Nacht befahren, auch zu jeglicher Jahreszeil, und das seit zwölf Jahren. Er kenne jede Kurve, jede Senkung und jedes Radgleis von Anfang bis zu Ende." — Es ist eigentlich entwaffnend! Cohen erzählt in der Einleitung, er habe Gelegenheit gehabt, „die Lage der Judenheit in Gemeinden zu studieren, von denen man verhältnismäßig wrenig weiß, und die doch sowohl für den Soziologen wie für den