Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Juden sollen Bauern werden!
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 396 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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396 MENORAH Nummer um Nummer wurden sie vom Administrator und Kassier aufgerufen, und glücklich waren jene, die ohne Anstand durchkamen und den ganzen Betrag ausgezahlt erhielten, eine Sache, die zu den Seltenheiten gehörte. Die Blätter des Kopierbuches bestätigen dies. Hunderte von Kolonisten standen vom frühen Morgen bis um zehn Uhr nachts Schlange und warteten. Oft fuhren sie mit leeren Händen heim, um am andern Tage dieselbe Hölle hindurchzugehen. Die Herrschaften der Administration hatten keine Eile, sie pflegten ein Dutzend ,,Bittsteller" fortzuschicken, um selbst die Mahlzeiten gemütlich einzunehmen, Tee zu trinken, Korrespondenz zu erledigen, Zeitung zu lesen oder ein Mittagsschläfchen zu machen.. . Und vor der Türe standen Menschen, hungernd und frierend, starrten gierig auf die Schalter und fluchten ihrem Schicksal, das ihnen so arg mitgespielt hatte. O unseliges Gnadenbrot! „Schnorrer! Bettlerbande!" titulierte uns Sturm, und der Kassier Bernheim (der nachmalige Administrator, dem Charakter nach k^in schlechter Mensch und ein guter Hebraist, der sich seine Kenntnisse im Hebräischen bei einem Geistlichen in Belgien erworben hatte und der späterhin sogar mein Freund wrurde), er hatte uns mit seinem Spott tief verletzt. „Es ist ein ,Zdokeh-Geschäft!"' pflegte er zu den weißbärtigen Kolonisten zu sagen. „Ein Armenasyl!" ,,Nahma dichssipha (häßliches Brot) Alperson!" riet er mir aus dem Fensterausschnitt zu und die Tränen wuschen mich bei dieser Stichelei. Ja, „häßliches Brot", das ist der wahrhaftige Sinn und die Bedeutung des Wortes „Subsidium". Gesenkten Hauptes, mit flammenden Gesichtern, bar jeder Menschenwürde drängte man sich an den Schalter, umschmeichelte den Diener, um durch das Eintauschen der Nummer das Almosen des Barons rascher zu erhalten. Wir aber bezahlen jetzt jene vermeintlichen Unterstützungen mit Zinsen und Zinseszinsen . . . Ein trockenes Stück Zwieback in der Tasche, in Sandalen aus Fell, die mit einem Riemen aus ungegerbtem Fell befestigt waren, in einem vom Komitee geschenkten Rock, eine Mütze mit doppeltem Schirm auf dem Kopfe, ritt ich auf dem falben Maulesel, um die Unterstützung zu beheben. Die älteren Leute pflegten zu Fuß zu gehen, denn sie trauten sich nicht, die dortigen ungezähmten Pferde zu gebrauchen. Diejenigen, die höhere Nummern bekamen, sammelten sich in Gruppen und nahmen auf einem Hügel oder unter einem dichten Baume Platz, wo sie einander ihr bitteres Leid klagten. So vergingen oft Tage, bis wir die Unterstützung erhielten.