Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Juden sollen Bauern werden!
Date
1930-07-01
Page
Seite 393 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912905-2925484--09339-2925643
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

JUDEN SOLLEN BAUERN WERDEN! 393 20 Pesos von seiner Subsidie abgezogen werden sollten, bis die 120 Pesos, die für ihn beim Gerichte von Nuevo de Julio als Geldstrafe erlegt wurden, gedeckt sein würden. So wurden wir langsam unter das Joch einer eisernen Disziplin gebeugt. Es durfte sich kein freies Wort aus dem Munde wagen. Die Aufseher, Inspektoren und allerhand Denunzianten terrorisierten uns. Für die geringste Unachtsamkeit, für eine freiere Antwort wurde man bestraft oder, was noch schlimmer war, mit Polizeigewalt aus der Kolonie entfernt. Auf solche Weise wurden die Familien Wechseiblatt, Kuppermann und Feiermann ausgewiesen. Jankel Kalker und Berisch Finkelstein wurden von einem Aufseher denunziert, daß sie ein Pferd der Administration mißhandelt hätten. Da befahl der Colonel schriftlich aus Buenos Aires, daß den beiden je 5 Pesos abgezogen werden, für den Fall aber, daß das Pferd umstehen sollte, soll ihnen von ihrer Weizenernte der volle Wert des Pferdes abgezogen werden. (Diesen Brief las ich im Archiv der Administration.) Sir Butels Nachfolger, der deutsche Administrator Sturm, war noch viel schlimmer und strenger. Es regnete Geldstrafen, wenn sich ein Kolonist an den Drahtzaun des Verwaltungsgebäudes angelehnt hatte. Auf grausame Art hatte er uns in Soldaten verwandelt! Jener große Träumer, der den Wunsch hegte, eine große Ackerbauschule in Argentinien zu errichten, um fähige Landwirte für Palästina heranzubilden, hatte ein schweres Joch auf uns geladen. Wir kamen, um unter dem blauen Himmel des prächtigen Argentinien Freiheit zu genießen, und fanden Sklaverei! Wir wurden die Sklaven unserer eigenen Gutsherren. Welch ein vornehmes jüdisches Herz besaß er! Aber es schlug unter einer Soldatenuniform. Bei seinem Besuch in meiner Gruppe hatte ich mit ihm viel gesprochen und in ihm einen Menschen mit milder Seele erkannt — aber bei seiner kolonisatorischen Tätigkeit hatte der Soldat in ihm das Übergewicht. Im Monate August, mitten im Winter, fand er die Brüder Kejleß beim Graben eines Brunnens, denn es fehlte ihnen Wasser für das Vieh. Ihr Schwager, der selige Jenkl Schmukler, stand barfuß, bloß mit einem Sack umwickelt, im großen Brunnen und mühte sich mit dem steinigen Grund ab. „Warum trägt dieser Mann einen Sack?" fragte der Golonel. ,,Er besitzt bloß ein Sakko und ein Paar Hosen, darum muß er sie schonen", erwiderte der stille Jenkl Keßler.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.