Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Die Jüdin in der modernen Literatur
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 324 (sequence 5)
- Language
- German
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H24 MENORAH grillen, gleichwie man das erste, beste Huhn aus einem Hühnerstall packt. Solche Figuren würden niemals zur Hauptperson eines Charakterromans werden können, da ihre seelischen Regungen zu wenig verwickelt und damit auch ihre Lebensgeschehnisse zu wenig wechselvoll sind, als daß sie das Volumen eines solchen Romans füllen konnten. Sie kommen also meistens als Nebenpersonen vor. Vor allem in den Romanen und Erzählungen des jiddischen und hebräischen Schrifttums begegnen wir ihnen. Diese Erzählungen sind beinahe immer Sittenschilderungcn und behandeln das ostjüdische Ghettomilieu, wo die Frau noch wenig aus der Masse herausstrebte und, sofern sie Emanzipationsneigungen besaß, nach dem Westen zog. Für die unterdrückte Ghettofrau des Ostens setzt sich der satirische Dichter Jehuda Leib-Gordon ein in seinem ,,Kozo schel Jod". Darin wird erzählt, wie die schöne Bath-Schewa ein verkrüppeltes Bürschchen heiraten muß. Hiilel zieht aber, um Geld zu verdienen, nach Amerika und läßt alsbald nichts mehr von sich hören. Nun gewinnt ein junger Ingenieur Bath-Schewa lieb und will sie ehelichen. HilleI erklärt sich bereit, sich für eine geldliche Abfindung scheiden zu lassen, und schreibt die „Gel". Das Schiff, das ihn von Amerika zurückbringen soll, geht aber unter. — Die ,,Get" wird von einem beschränkten Rabbiner als ungültig erklärt, weil Hillel ohne „jud" geschrieben ist Und Bath-Schewa muß ihrer Liebe entsagen und weiter in Armut leben. Im Westen, wo die Jüdin die äußersten Grenzen des Absonderlichen erreicht und die seltsamsten Formen angenommen hat, wurde sie eine sehr würdige Romanheldin. Die Nichtjuden, die sie darge stellt haben, vergaßen jedoch viel zu oft, daß diese absonderlichen Typen von Jüdinnen auch in ihrem Volke abgesondert blieben und daß es nicht angeht, sie auf ein Postament zu setzen und sie mil ihrer barocken Fremdartigkeit körperlicher und seelischer Art als die „bath Jehuda" in Reinkultur auszuposaunen. Eine wenig ehrbare Jüdin, der wir solchermaßen in der Literatur begegnen, ist die üeinimondäne. Prostitution kam unter den Jüdinnen der westlichen Lander zwar vor, jedoch ziemlich selten. Dennoch wurde die jüdische Kokotte, namentlich in der französischen Literatur — fast nicht in der der anderen Länder des Westens —, ein beliebter literarischer Leckerbissen, und ich glaube, daß die Neigung, sich an den Frauen aus der Fremde zu ergötzen, wie es durch das ganze Mittelalter hin geschah, wieder auflebt in der modernen Literaturfigur der jüdischen Kurtisane.