Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Die Jüdin in der modernen Literatur
- Date
- 1930-07-01
- Page
- 320 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE JÜDIN IN DER MODERNEN LITERATUR Von Siegfried van Praag Im alten Schrifttum Europas trat die Jüdin nur als Geliebte von Christen in Erscheinung. Dr. H. Michelson sagt in seiner fesselnden Abhandlung „The Jew in early English Literature"1) mit Recht: „The Jew was an object of hatred, and the Jewess of lust". - Als Mutter, als jüdische Frau, als Geliebte eines Stammesbruders wurde sie niemals betrachtet, weil es einsam sein mußte ringsum den Juden, den Abscheu erregenden Teufel, wie ihn die alte Literatur darstellte. „Maternity with all bis sweetness has no place in it, nay is not even hinted at". Die Jüdin hatte also an erster Stelle schön zu sein, denn das durfte doch die Phantasie sicherlich von dieser geheimnisvollen orientalischen Geliebten verlangen. Meistens war sie auch sehr anmutig und nicht imstande, das schlechte Herz ihres jüdischen Vaters zu durchschauen. Wurden ihr durch irgendwelche Umstände die Augen geöffnet, dann bekehrte sie sich zum Christentum, denn die Bekehrung pflegte das Leben eines guten Heiden zu krönen. Dr. Michelson, der uns so klar den konventionellen Juden des Mittelalters als Abguß der bösen jüdischen Gestalten des Neuen Testaments sehen läßt, hätte ebenfalls noch darauf hinweisen können, daß die engelhafte Sanftheit mancher Jüdinnen wahrscheinlich von Mariavorstellungen, die wollüstige Macht anderer von der Erinnerung an Maria Magdalena beeinflußt, ist. Chateaubriand meint, daß die Jüdin, im Gegensatz zum Juden, ihre Anmut bewahrt habe», weil sie an Jesu Kreuzigung nicht teilnahm. Alle diese Typen von Jüdinnen entbehren jeder allgemein menschlichen Wahrhaftigkeit, und sofern sie Menschen sind, zeigen sie keine charakteristisch jüdischen Eigenschaften, während sie gerade um ihres Judentums willen von der Phantasie der Schriftsteller erschaffen wurden. ,,On the whole I must say that there is nothing specially Jewish about either Abigail or Jessica. They may belong to any race and to any religio«" (Michelson S. 127). Diese mangelhafte Darstellungsweise der Jüdin zog sich bis ins 19. Jahrhundert hin und fand ihre letzte klassische Verkörperung in Scotts ,.Rebecca of York". l) IT. J. Paris, Amsterdam 192b.