Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Franz Mehring: Zur Literaturgeschichte ... [Rezension]
- Date
- 1930-05-01
- Page
- 305 (sequence 1)
- Language
- German
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FRANZ MEHRING: ZUR LITERATUR- GESGllfGHTE. VON GALDERON BIS (iORKI. Soziologische Verlagsanslall Berlin. Man muß kein Marxist sein, um c' e 11 Aufsätzen Franz Mehrings, die gesammelt so etwas wie eine Literaturgeschichte für Arheiter ergehen. sympathisch gegenüberzustehen und ihnen gerecht zu werden; vielleicht ist das sogar das gleiche, denn die wahre (ierechligkeit erfordert Sympathie. Der Versuch, Literaturgeschichte vom marxistischen Standpunkt zu schreiben, ist in der .,Lessing-Legende" und in den vorliegenden Biographien, Kritiken und Aufsätzen zum ersten Male im größeren Umfange gemacht worden. Daß er notwendig und folgerichtig war, wird auch der zugehen müssen, der njieht 'im orthodox-marxistischen Lager steht. Um die gesamten Geisteswissenschaften ist es kritisch bestellt; keine aber äst derart) problematisch geworden wie die Literaturgeschichte. Die ideologische Auffassung der Scherer. Erich Schmidt und Minor, die Mehring bekämpft, kann selbst der 'zünftige Germanist mit Mühe halten. Die mühsame Detailforschung, das Herumstöbern in den Wäscherechnungon Goethes und der sonstige philologische Kleinkram, mag ja seine Berechtigung haben; wahre Exaktheit ist das nicht. Solange die Wertungen so schwanken, daß dem einen Literaturhistoriker die Erscheinung Stephan Georges /.. B. als heroischer Führer gilt, während der andere von einer Art feierlichen Schwachsinns sprechen kann, kann man von Exaktheit nicht reden. Der Mangel objektiver Wertkrilerien ist es, der zweifeln läßt, ob es sich hier überhaupt noch um Wissenschaft handelt, ob man nicht, um Literaturgeschichte zu schreiben, eine künstlerische Persönlichkeit sein muß. Mehring lvat gezeigt, daß eben diese Relativität Bedingung der Geschichtswissenschaft ist und alle Kunst abhängig ist von Klasse und Zeit. Literaturgeschichte soll zeigen, was eine Dichtung ist, warum sie so ist und nicht anders sein kann. D;is Werten soll sie ruhig andern überlassen. Das erfordert natürlich, daß man die Literatur nicht isoliert sieht; die Literatur ist nur ein Teil der Gesamtkullur und steht zu allen Erscheinungen einer Zeit in inniger Wechselwirkung, üb die ökonomische Lage . wirklich der Antrieb der Geschichtscnlwicklung ist, wie es die materialistische Geschichtsauffassung will, das ist hier nicht die Frage. Fest stellt, daß sie dazu gehört, und daß sie das Antlitz einer Epoche zumindestens ebenso formt wie ihre Mode öfter ihre Malerei, läßt sich schwer \erneinen. Daß die Literatur die herrschende Klasse oder die um die Macht ringende Klasse spiegelt, sollte heute eine Binsenweisheit sein. Über diese Feststellungen aber hinaus bedarf eine historische Ästhetik aber der Ergänzung durch die psychologische. Denn wenn auch die Geschichte ewig im Fluß bleibt, die Struktur der menschlichen Seele ändert sich nicht. Aber aus beiden zusammen läßt sich eine objektive Methode der zukünftigen Geschieht sschreibung aufbauen. Daß Mehring das Psychologische nicht allzu sehr beachtet, ist nicht weiter verwunderlich. Der Sozialismus ist sich dieses Mangels erst in der neuesten Zeit bewußt geworden. Alfred Adler und Henrik de Maan haben versucht, der Bewegung eine psychologische Basis zu geben. Schwerer wiegt die Verkennung der Romantik. Zwar betont Mehring, daß die Romantik nicht nur feudale Reaktion war. Aber er hätte feststellen müssen, daß die Romantik die Fragen des ganzen Jahrhunderts gestellt hat. Frage und Fragment war die Romantik. Antwort und Gestaltung das ganze übrige 19. .Jahrhundert. Wieviel eine Zeit der vorhergehen-