Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Der Bericht der Untersuchungskommission für Palästina
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 298 (sequence 5)
- Language
- German
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298 MENORAH gen. daß dieser Verdrängungsprozeß nicht einfach durch die Bevölkerungsvermehrung erfolgt, die den Bauern zwingt, nahezu mittellos nach der Stadt zu gehen, sondern gerade durch die jüdische Kolonisation, weil die jüdischen Kolonisationsinstanzen den Fellachen wenigstens mit einem anständigen Batzen Geld versehen, wenn sie ihm einen Teil seines Bodens abkaufen. Und wenn er sich, wie es in der Praxis oft geschieht, mit dem Kaufpreis eine Pflanzung anlegt, kann er darauf noch seinen überzähligen Sohn beschäftigen, weil eine Pflanzung sicher doppelt so viel Arbeitskräfte braucht wie die übliche extensive Fellachen Wirtschaft. (Nach der Rechnung der Kommission könnte eine arabische Familie von fünf Seelen hundert Dunam bearbeiten. Selbst wenn wir annehmen, daß alle im arbeitsfähigen Alter sind, also jedes Familienmitglied immerhin zwanzig Dunam. Dagegen braucht man auf einer Orangenplantage eine Arbeitskraft für je zehn Dunam.) Aber die Kommission verlangt trotzdem eine verschärfte Einschränkung der jüdischen Einwanderung. Zum Teil aus politischen Gründen, weil die Araber sie nicht wollen. Wenn aber die Zustimmung der Eingeborenen zur Kolonisation eines Landes nötig ist, dann hätten die Engländer auch nicht Kanada kolonisieren dürfen, denn auch das geschah gegen den Willen der Eingeborenen, und sie müßten heute aus Indien heraus . . . Zum anderen Teil begründet sie ihre Forderung mit wirtschaftlichen Gründen: Die Einwanderung von 1925 wäre zu groß gewesen und hätte eine Krise verursacht. Das hätte die Araber erschreckt. Es ist erstaunlich und zugleich kennzeichnend, wie ausschließlich die Kommission und erst recht die Regierungsvertreter vor der Kommission mit den arabischen Sentiments rechnen. Um die jüdischen kümmern sie sich überhaupt nicht. Das Streben der Juden nach Freiheit und Selbständigkeit, die Sorge um das Gelingen ihres Befreiungskampfes, das Sehnen nach Rückkehr in die alle Heimat — alles das läßt sie kalt. Was es für Empfindungen in der Brust der Juden hervorrufen muß. wenn man ihnen durch Einschränkung der Einwanderung die Aussicht raubt, endlich nach zweitausend Jahren wieder ihre Frei heit zu erringen, die ihnen das amtliche England noch' vor zehn, zwölf Jahren in den schönsten Farben gezeigt hatte —■ alles da* geht die Kommission nichts an. Wie sie herausbekommt, daß die Einwanderung von 192.") zu poß war, ist denkbar einfach: Sie konstruiert ein post hoc — propter hoc. Erst war die inoße Einwanderung da, dann kam dir Krise, also kam die Krise woge n der großen Einwanderung. Sie stellt es so dar, als ob die Größe der Immigration die Krise gewissermaßen naturnotwendig machte, und untersucht nicht, ob nicht bestimmte, teils einmalige, teils abänderbare Bedingungen die Absorption dieser Zahl von Immigranten verhinderten, zum Beispiel der Zlotyslurz und die Grabskischen Valutagesetze, die die Einwanderer eines Teiles ihrer in Polen gelassenen Mittel beraubten und es ihnen unmöglich machten, den anderen Teil nach Palästina zu überweisen, um dort ihren Verpflichtungen nachzukommen. Und vor allen Dingen die völlige Passivität der Regierung. Die Kommission hat überhaupt nicht untersucht, ob die Landesverwaltung, entsprechend ihrer Verpflichtung, die Einwanderung zu erleichtern und überhaupt ,,die größten Anstrengungen zur Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu machen" (Balfour-l)eklaration), irgend etwas getan hat, um die Aufnahme der Immigration zu ermöglichen. Wäre die Krise auch gekommen, wenn die Regierung die Bodenspekulation, die viele Kapitalien unproduktiv festlegte und dann vernichtete, durch wirtschaftspolilisehe Maßnahmen unterbunden hätte? Oder wenn sie beispielsweise für eine vernünftige Verteilung der Einwanderer über das ganze Land gesorgt und ihnen durch Kreditgewährung aus den riesigen Überschüssen des Fiskus wie durch Steuererleichterungen geholfen hätte? Diese Überschüsse entstammten ja jüdischen Steuerung Zollzahlungen. Die Kommission stellt keine dieser Fragen. Sie behandelt die Aufnahmefähigkeit des Landes als eine natur-