Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1930)
- Article
- Abrahams Zeiten
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 208 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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208 MENORAH das Ur seiner Zeit ein besonderes Interesse. Schon viel früher, etwa 3500 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, hatten die Sumerer eine Kultur entwickelt, die nicht nur im materiellen Sinne reich war, sondern so fortgeschritten in jeder Beziehung, daß Mesopotamien Jahrtausende lang nichts Besseres hervorbrachte. Die Königsgräber in Ur sind höchst merkwürdig wegen ihrer Architektur, wegen ihres Inhaltes, wegen des Lichtes, das sie auf bisher ungeahnte Bräuche werfen, und nicht zuletzt weil sie Zeugen sind einer Kultur, von der man — wie überhaupt von jener Zeit — nur die dürftigsten Begriffe hatte. Die Einrichtung der Gräber beweist, daß die Überlebenden für ein künftiges Dasein der Toten Vorkehrungen trafen — ob aus Sorge für die Verstorbenen oder um sich selbst gegen unzufriedene Geister zu schützen, sei dahingestellt. Die Schiffsmodelle, die in den Gräbern gefunden wurden, zeigen an, daß die Reise zu Wasser gedacht war; die Vorräte an Speise und Trank beweisen, daß das künftige Leben als Fortsetzung des früheren betrachtet wurde mit denselben Bedürfnissen und Freuden. Ein regierender König wurde mit riesigen Menschenopfern begraben — Soldaten, Höflinge, Frauen, Diener, und auch Wagen und Zugpferde wurden ihm mitgegeben. Diese barbarische Sitte, die in den Gräbern der gewöhnlichen Sterblichen keine Parallele findet, mag bedeuten, daß im vierten Jahrtausend in Sumerien schon der Brauch herrschte, der tausend Jahre später bestimmt die Regel war: nämlich die Vergötterung des Königs; diese unerhörten Opfer galten dann eben einem Gotte, nicht einem Sterblichen. Die Grabstätten weisen in allen Einzelheiten auf eine alte, gefestigte Kultur. Die Architekten jener Zeit kannten das Gewölbe, den Bogen, und wahrscheinlich auch die Kuppel, sowohl in Ziegel wie in Stein ausgeführt. Sie bauten auch Säulen aus Holz und Ziegeln, kurz, sie waren mit den wichtigsten Formen der Architektur wohlvertraut, auch mit solchen, die erst nach der Eroberung Asiens durch Alexander in Europa eindrangen. Ihre metallurgischen Kenntnisse waren beachtenswert, und wenn auch das Eisen lange unbekannt blieb, so leisteten sie doch in Entwurf und Ausführung von Gold-, Silber- und Kupfer arbeiten ganz Außerordentliches, wie es auch in späteren Zeiten nur selten übertroffen wurde. Ihre Kunst, damals grade im Begriff, in Konvention zu erstarren, stand teilweise auf sehr hoher Stufe, war aber ungleich. Auf der tiefsten Stufe, so in der Behandlung der menschlichen Gestalt, ist sie naiv und plump; auf der höchsten, so in der Darstellung von Tieren, zeigt sie nicht nur hervorragende Beobachtung, sondern auch geradezu verblüff ende Kraft — der Sinn für