Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Der Mann mit dem feurigen Herzen: Chajes
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 164 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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164 M EN ORAH jüdische Gelehrsamkeit verknüpft er mit einem erlesenen universellen Wissen. Er ist ein Historiker, in der Geschichte aller Völker bewandert, ohne je ein historisches Werk geschrieben zu haben, bekleidet das Rabbineramt und hegt dabei die Überzeugung, daß der beamtete Rabbiner im Grunde genommen eine krankhalte Erscheinung am Leibe des Judentums sei, denn ein gesundes, in seiner Kultur und Eigenart wurzelndes jüdisches Volk bedürfe keiner Rabbiner im Amte. Er ist Demokrat reinsten Wassers, von schlichtestem Wesen, das Volk pilgert zu ihm, um sich mit ihm zu beraten in den kleinen und großen Dingen des Lebens, er ist sich aber seines Wertes, wie alle großen Männer, ganz genau bewußt. Er ist eigentlich ein stolzer Mann. Sein Stolz kann sich zu Hochmut steigern, wenn ihm Reichtum naht, mit der stummen Forderung nach der Achtung vor dem Gelde. Mit Befriedigung erfüllt ihn das Bewußtsein, daß seine Briefe und Visitenkarten bei den Gewaltigen des Geldmarktes nicht zu linden seien. Maßlos erbittert ist er, wenn er sieht, daß die Satten ihrer Pflicht dem Volke und namentlich dem Aufbau seines Landes gegenüber nicht gerecht werden wollen. Ein göttlicher Zorn erfaßt ihn, wenn er davon spricht und in heftigen und bitteren Worten macht er Luft seinem Unwillen. Die Sehnsucht seines Herzens ist, nach Palastina zu gehen und dort von der Kanzel der Universität herab jüdisches Wissen zu verbreiten. Dieses Vorhaben scheitert zunächst an verschiedenen Hindernissen und zuletzt an seinem jähen Tode. Der Abkömmling eines Geschlechtes, das seit Jahrhunderten scharfsinnige, große Gelehrte dem Volke gab, setzt seinen Ehrgeiz darein, das Lehramt an der Stelle auszuüben, von wo aus einst die Thora ausging. Es sollte aber anders kommen. Sein Leben läßt sich wohl am besten mit einem leuchtenden Meteor vergleichen. Diesem glich vor allem sein Anfang, sein plötzliches Erscheinen. Sein Kampf und sein Werk? Ein Zeitenlauf, so kurz, wie der eines Meteors. Und das Ende? Ein vermeintliches Zischen und der Stern versinkt im Meer der Unendlichkeit. Max Nordau sprach in der Trauerrede auf Theodor Herzl die Worte: ,,Er hat dem Volke Hoffnungen geschenkt und Wege gezeigt. Er hat mit großartigem Schwünge gesäet und sein Volk wird ernten." Diese Worte gelten auch für Zewi Perez Chajes, dem Mann mit dem feurigen Herzen.