Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 133 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS HELDENLIED VON DER NADEL 133 Es gab Massenversammlungen. Paraden, Demonstrationen. Alles klappte, wie es nach der sorgfältigen Vorbereitung nicht anders zu erwarten war. Von Anfang an gab es Not unter den Arbeitern, und als dies dem Publikum klar wurde, bemühte man sich um die Linderung. Tatsächlich unterzeichneten schon im Verlaufe der ersten drei Wochen etwa dreihundertfünfzig kleinere Fabrikanten vorteilhafte Kontrakte mit den Arbeitern. Aber das Geschick des Streiks hing in der Hauptsache davon ab, wie sich die Protective Association (die große Unternehmervereinigung) zur Gewerkschaft stellen würde. Die ersten Einigungsversuche scheiterten daran, daß die Gewerkschaft Kontrolle darüber verlangte, daß nur Mitglieder angestellt würden, und daß sie auch auf der Anerkennug der Gewerkschaft überhaupt bestand. Am 21. Juli (nach vierzehn Tagen) schien beim Abbruch der Verhandlungen eine tiefe Kluft zwischen Unternehmern und Gewerkschaft zu bestehen. Da nahmen Außenseiter die Sache in die Hand, meist hervorragende jüdische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Meyer Bloomfield und A. Lincoln Filene, ein Teilhaber der berühmten Bostoner Firma, die ein großer Abnehmer für Damenkonfektion war, machten den ersten Versuch. Auf ihren Vorschlag hin erschien Louis Brandeis aus Boston vor dem Streikkomitee und überredete einige seiner Mitglieder, im Punkte der Gewerkschaftskontrolle ein Kompromiß zu schließen. Fast hätte dies zur Katastrophe geführt. Nur mit der größten Mühe wurde — nach Intervention Samuel Gompers— eine Spaltung des Streikkomitees vermieden. Benjamin Schlesinger vom „Vorwärts", den die Radikalen als einen der Ihren betrachteten, brachte nun eine neue Konferenz unter dem Vorsitz Brandeis' zustande. Wieder drohte sie an derselben Schwierigkeit zu scheitern, als Brandeis seinen berühmten Vorschlag brachte, laut welchem der Arbeitgeber unter sonst gleichen Bedingungen dem Gewerkschaftsmitglied den Vorzug geben sollte. Die Unternehmer akzeptierten den Vorschlag. Die Arbeiter konnten sich nicht sogleich damit befreunden — er war zu neu. Es folgte nun eine „Advokatenkonferenz", bei der J. H. Cohen für die Unternehmer und Meyer London für die Arbeitnehmer intervenierte. In diesem zweiten Stadium des Streiks wuchsen die Leiden der Arbeiter, die Polizei mengte sich in brutaler Weise ein, die Hungersnot nahm arge Formen an -— da versuchten abermals Außenstehende zu vermitteln; es waren Louis Marshall und J. H. Schiff. Am 27. August lehnten die Arbeiter den „Vorzugsvorschlag" Brandeis1 von neuem ab. Die Angestellten in jenen Werkstätten, wo schon