Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Der Tod Mosis
- Date
- 1930-01-01
- Page
- 20 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DER TOD MOSIS Eine Legende aus dem Midrasch Und der Herr sprach zu Moses: ,Siehe, die Zeit ist gekommen, daß Du sterbest'1) Darauf bezieht sich das Wort der Schrift: ,Wenngleich seine Macht zum Himmel reicht und sein Haupt an die Wolken rühret, wird er doch zuletzt umkommen ... und die, welche ihn gesehen haben, werden sagen: wo ist er?'2) Damit kann die Schrift wohl nur den Todestag gemeint haben. Denn selbst wenn der Mensch sich Flügel baut, um dem Vogel zu gleichen und sich zum Himmel erhebt — sobald sein Leben zu Ende geht, zerbrechen seine Flügel und er fällt von seiner Höhe. »Wenngleich seine Macht zum Himmel reicht' — hier ist Moses gemeint. Er hat sich zum Himmel erhoben, seine Füße haben auf dem Gewölk gestanden, er ist den Engeln Gottes ebenbürtig gewesen, er hat mit Gott von Angesicht zu Angesicht gesprochen und die Lehre aus seiner Hand empfangen — doch als sein Ende nahte, da sprach der Herr zu ihm: ,Siehe, die Zeit ist gekommen, daß Du sterbest. ..!* Als Moses sah, daß sein Urteil gefällt war, zog er einen Kreis, stellte sich in die Mitte und sprach: „Herr der Welt, ich weiche nicht von hier, ehe Du jenes Urteil aufgehoben hast." Er hüllte sich in einen, Sack und wälzte sich in Asche; so verharrte er in inbrünstigem Gebet und Flehen, bis Himmel und Erde sowie die göttliche Weltordnung erzitterten und sprachen: „Ist es am Ende des Ewigen Wille, seine Welt neu zu gestalten?" Da vernahm man von ferne den Widerhall einer göttlichen Stimme: ,,Noch ist es nicht der Wille des Ewigen, gepriesen sei Er, die Welt zu erneuern, sondern — ,in Seiner Hand ist die Seele alles Lebenden'."3) Was aber tat der Ewige, gepriesen sei Er in dieser Stunde? Er ließ an allen Himmelstoren verkünden, daß Moses' Gebet nicht entgegengenommen und ihm nicht dargebracht werden dürfe, denn sein Urteil sei besiegelt. Und als die betende Stimme, mächtig anschwellend, sich zum Himmel rang, rief Gott seine Dienstengel und sprach zu ihnen: „Fliegt eilends hinunter und schließt alle Tore des Himmels!" Denn nun war das Wort Mosis gleich einem schneidenden Schwert und niemand war da, der es hätte aufhalten können. In dieser Stunde sprach Moses zu Gott: „Dir, oh Herr der Welten, ist es offenbar, welche Mühe und welches Leid ich um Israel trug, bis es an Deinen Namen glaubte, und wieviel Leid um die Anerkennung von Lehre und Geboten! Ich sagte