Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Thoraschrein, Almemor und Vorbeterpult
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 624 (sequence 6)
- Language
- German
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624 MENORAH Universitätsbibliothek Leipzig, entnommen ist. Sie wird hier zum ersten Male veröffentlicht. Man sieht auf der Miniatur (Abb. 2) einen durch einen Tales und Schaufäden gekennzeichneten Juden vor einem auf einem Tische aufgeschlagenen Folianten stehen, während zwei durch Judenhüte gekennzeichnete Figuren auf den Tisch zu hinter dem Mann im Tales schreiten. Der Mann mit dem Gebetmantel ist vermutlich der Vorbeter, der der Gemeinde aus dem Siddur vorbetet, die beiden anderen wohl der Vorsänger und der Rabbi, oder sonst welche Mitglieder der Gemeinde. Der Tisch mit dem aufliegenden Kodex ist das Vorbeterpult. Wir haben hier eine der ziemlich seltenen mittelalterlichen Darstellungen eines Vorbeterpultes. Wir wollen hier keine ausführliche Formenanalyse vornehmen, soviel sei bemerkt, daß das in lebhaften Farben marmorierte Pult aus einer kastenartigen Tischplatte besteht, die auf einem nach innen geschweiften Fuße ruht. Am rückwärtigen Tisohrande erhebt sich ein silberner Aufsatz. Es ist nicht recht zu ersehen, ob er giebelförmig oder rechteckig ist, die runden Ausbuchtungen an der sichtbaren Seile lassen sich jedoch als gotische Kriechblumen oder Krabben deuten, wie man sie auf den Giebelschenkeln auszubauen liebte. Ein glücklicher Zufall macht es uns möglich, der Darstellung des mittelalterlichen Vorbeterpultes die Photographie eines Vorbeterpultes aus neuerer Zeit gegenüberzustellen, die einen Vergleich direkt herausfordert. Es ist das das Amud der Synagoge in lsabelin, bei Grodno (Abb. 3), das Herr Heinrich Eisemann, Frankfurt a. M., während des Weltkrieges aufgenommen hat. Der Liebenswürdigkeit des Herrn Eisemann haben wir es zu verdanken, daß die Photographie hier ver öffentlich! wird. Trotz des spätbarocken Gewandes erkennen wir in der Komposition des Vorbeterpultes von Isabelin dasselbe Schema: den kastenartigen Tisch — hier ist auch das Fach sichtbar, das im gotischen Pult vermutet werden kann —, den nach innen geschweiften Fuß, den Aufsatz. Dieser bildet eine Art Reflektor für die davor aufgepflanzten Lichter und dient gleichzeitig als Tafel für die Sprüche, die für den Vorbeter bestimmt sind. Eine ähnliche Verwendung mag der Aufsatz am mittelalterlichen Vorbeterpult gefunden haben. Bemerkenswert ist die Lebendigkeit der Überlieferung. Die Zwischenglieder der Entwicklung fehlen, und doch muß es einen Zusammenhang, eine Abhängigkeit, eine Verbundenheit gegeben haben, die stärker war. als alle räumlichen und zeitlichen Schranken. R. W7?schnitz er~ Bernstein