Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Im Exil
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 586 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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586 MENORAH Augen sah, da vergaß er, daß Gäste kommen sollten, entzündete die Lichter, kniete mit Petja zusammen vor der Tanne nieder und sang leise ein altes russisches Weihnachtslied. Die Kerzenflämmchen spiegelten sich in den Gewinden, auf dem Stanniolsilber und dem Rauschgold, umglänzten die weißen Lämmchen mit zartem Rosa und durch das Zimmer tönte leiser trauriger Gesang. a kommt mir so ein Lumpenkerl gefahren und bleibt bei mir _ß picken" — so begann der alte Berl mir sein Herz auszuschütten, als ich ihn auf der Durchreise durch Ladyschin wieder einmal besuchte — ,,Sohn eines Verwandten. Ich sage: was geht mich die Verwandtschaft an? Aber sie, meine Frau — sie ist doch eine Frau: der Vater ihrer Großmutter mütterlicherseits war mit des Burschen Großvater, Elieser Sprung, irgendwie verwandt! Nun, so sitzt er bei mir, ißt gut, schläft am Nachmittag — ganz nett, was fehlt ihm eigentlich? Meiner Alten macht er Komplimente, mit mir spielt er Politik und versteht sich darauf, mich einzufangen. . . Sie verstehen doch — Kinder haben wir keine, langweilig ist's schon manchmal, und sitzt so einer bei Tisch, so macht er doch hie und da einen Witz oder erzählt etwas Neues; ist mein Kopf einmal schon wüst von den Rechnungen und Quittungen, so lasse ich ihn schreiben. Und der Kerl packt die Sache mit Verstand an! In Acht zu nehmen brauche ich mich nicht — schließlich gehört er ja doch zur Familie! Wenn ich Zeit habe, fühle ich ihm ein wenig den Puls: »Freundchen, wie hältst du es damit, auf den Gulden achtzugeben? Weißt du, was eigentlich ein Gulden ist? .. .* Natürlich weiß er's, er redet mir doch nach dem Munde! Sie verstehen, er ist keiner von gestern und die Zinsen berechnet er, ohne mit der Wimper zu zucken. Gibt nichts von dem aus, was ich ihm gebe. Beim Essen hält er Maß und ist nicht wählerisch, von Trinken keine Rede." „Kurz und gut, er fängt an, mir zu gefallen. Meine Alte hat sich schon ganz an ihn gewöhnt und sie sagt zu mir: ,Berl, adoptiere ihn, so werden wir einen Sohn haben.' Ich werde böse: ,Was heißt adop- Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz