Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Jüdische Bevölkerungspolitik
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 569 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE BEVÖLKERUNGSPOLITIK 569 die einzelnen Völkerstämme und Religionsgemeinschaften erhalten sich durch die Fortpflanzung. Der Fortpflanzungstrieb ist so mächtig, ausgelöst durch physiologische und psychologische Einflüsse individueller Art, daß sich unter normalen Verhältnisse n die Fortpflanzung automatisch von selbst reguliert, ohne daß von außen kommende Einwirkunigen ihr zu Hilfe kommen müssen. Die Folge ist, daß die durch den Tod verlorengegangenen Teile des Volkes wieder ersetzt werden, der Volkskörper sich ständig erneuert, ja, es findet eine Vermehrung statt, da die Zahl der Geborenen normalerweise die der Verstorbenen übertritTt, wie denn die geschichtliche Betrachtung eine ständige Vermehrung der Menschenzahl über die Jahrtausende teststellen läßt. Nicht jedoch zu allen Zeiten und bei allen Völkern hat diese Entwicklung diesen natürlichen Verlauf genommen. Hiefür zwei Beispiele. Das eine betrifft die Bevölkerungsentwicklung Roms am Ausgang der Republik; da erreichte die Entsittlichung einen derartigen Höhepunkt, daß Ehen in immer geringerer Zahl gesclüossen wurden und die freiwillige Kinderlosigkeit einen ungeheuren Umfang annahm. Die Ehegesetze Cäsars und des Kaisers Augustus versuchten vergebens Besserung herbeizuführen, doch der Untergang Roms konnte nicht aufgehalten werden. Das andere Beispiel betrifft das Frankreich der Gegenwart. Die schon seit Jahrzehnten bestehende1 Stagnation der französischen Bevölkerung infolge der geringen Ge burtenfrequenz, des Ein- und Zweikindersystems ist allenthalben bekannt, bereitet den Regierungen schwere Sorgen und hat zu einer Reihe von bevölkerungspolitischen Maßnahmen und Gesetzen geführt, denen aber der Erfolg völlig versagt war. In Deutschland liegen heute die Verhältnisse nicht anders wie in Frankreich. Es hat keinen Grund mehr, mit Geringschätzung auf den Nachbarstaat zu blicken. Die Geburtenabnahme, die bereits mit Beginn dieses Jahrhunderts einsetzte, hat hier nach dem Kriege geradezu katastrophale Formen angenommen und ist in fünfundzwanzig Jahren um rund 100 Prozent gefallen. Dies hat seine Ursache darin, daß die1 Geburtenbeschränkung sich nicht mehr allein auf die begüterten Schichten beschränkt, sondern auch die weitesten Kreise der Arbeiterschaft und das Proletariat ergrauen hat. Letzteres macht seinem Namen: proles Nachkommenschaft keine Ehre mehr. Die unteren Schichten sagen sich, daß, wenn schon die begüterten Kreise, die materiell sehr wohl in der Lage wären, eine größere Zahl von Kindern zu ernähren, die Fortpflanzung aufs äußerste einschränken, sie