Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Glossen zur jüdische Zeitgeschichte
- Date
- 1929-11-01
- Page
- 555 (sequence 1)
- Language
- German
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Glossen zur jüdisc Von Heinrich Man zählte 1919.. . Der Krieg war den Mittelmächten verloren, aber die Sieger hatten keinen Frieden gewonnen. Der Kampf ging weiter, selbst auf der ersten internationalen Zusammenkunft, dem Sozialistenkongreß im März desselben Jahres zu Bern, war er fühlbar: auf der einen Seite Cachin, Renaudel und Longuet samt Genossen als Angreifer und Ankläger, ihnen gegenüber Müller, Wels und Eisner, beraten von Bernslein, Kaulsky u. a. Die Franzosen verlangten von den Deutschen ein Kriegsschuldgesländnis, da es ihnen sonst daheim als Verbrechen ungeschrieben würde, mit den Vertretern Deutschlands, wenn auch der deutschen Sozialdemokratie an einem Tisch zu sitzen. Die Franzosen sprechen zu hören oder richtiger ihre Deklamationen zu erleben, bot einen ästhetischen Genuß: Wort, Ton, Geste und Mienenspiel, ein Gesamtkunstwerk, dem die Deutschen nichts Ebenbürtiges gegenüber zu stellen hatten, Die flackernde Stimme Auers vermochte kaum den Raum zu bewältigen und Hermann Müller stand, mit den Händen an der Hosennaht, den Franzosen gegenüber wie ein Debütant geübten Künstlern. Eisner suchte in größerer Freiheit der Form den Regierungschef darzustellen, ohne großen Erfolg im Kongreßsaal, während ein Vortrag vor freiwilligen Hörern, zumeist Studenten, ihm hohe rednerische Ehren brachte. Nein, die Deutschen hatten nicht gut abgeschnitten. Da standen ihnen in der englischen Arbeiterdelegation wunderbare Helfer auf: Mrs. Snowden, Mr. Thomas, Cook und MacDonal d. Unvergeßlich der Eindruck, den diese vier Menschen ausübten. Wir waren im ersten Augenblicke gebannt, dann zog es über uns hin wie erquickende frische Luit über dumpfatmende Häftlinge. Eine erstaunte, beglückende Frage auf allen Gesichtern: erleben wir das wirklich, atmen wir dieselbe Luft mit dieser herrlichen Frau und diesen seltsamen Männern, Frauen und Manhen Zeitgeschichte York-Steiner ner, die nach dem furchtbarsten aller Kriege an den Wiederaufbau, an die Erhebung der Menschen, an eine beglückendere, einigende Zukunft glauben? Und aus all dem hob sich das Wort Mac Donalds empor: „Was sollen diese Wortgefechte bedeuten zwischen uns, die wir aus Ländern kommen, die sich vor wenigen Monaten blutig bis zur Ausrottung bekämpften? Wir müssen diese Zusammenkunft benülzen, um konstruktive Politik zu machen../' Gonstructiv p o 1 i c y. Die Worte tönten mit ehernem Klang über die Häupter der Delegierten, während seine Hände zu Fäusten geballt, Eisen zu biegen schienen, um ein Gerüst aufzurichten. Man spürte die suggestive Kraft, den aufbauenden Willen des Mannes, der die arbeitenden Schichten einer großen Nation verkörperte. Und nun wurde uns klar, warum diese Rasse den größten Teil der bewohnten Welt beherrscht und ihre Macht immer weiter ausbaut. Von den damals wenig bekannten Kongreßteilnehmern sind mehrere inzwischen Minister geworden, regierende Arbeiter; Renaudel in Frankreich, Müller der Kanzler Deutschlands und MacDonal d Englands Ministerpräsident. Und dieser Mann verhandelte vor wenigen Wochen in Washington über die Abrüstung zur See auf Grundlage des Kellog-Paktes, der den Weltfrieden sichern soll. Wir haben in Nr. 9, Jahrg. 1928, unter dem Titel „Wenn die Juden verstünden Politik zu machen" ausgeführt, was dieser Pakt bedeutet, den die Furcht vor dem unvermeidlich scheinenden Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und England diktiert hat. Der Alarmruf Kellogs, des Staatssekretärs in der Home-Office, dem auswärtigen Amt zu Washington, endete mit einem Aufruf an die Kirchen seines Landes, seine Friedensarbeit durch Gebet und sozialen Einfluß zu fördern. Und wir wandten uns an die jüdischen Gemeinschaften in der ganzen Welt, jeden Gottesdienst, jede Versammlung zur Propaganda