Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- Georg Merkel
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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GEORG MERKEL 497 und was er denkt, auch auszusprechen. Dessenungeachtet, bleibt das Werk Merkels in erster Reihe der klassischen Tradition Frankreichs verbunden. Die heulige Reife des Künstlers hat ihre Vorbilder längst überholt. Ihre eigentümliche Modernität steht außer Zweifel, sie erweist sich schöpferisch, vor allem in der Farbe und im Ausdruck. Aber sie ist. klassisch geblieben im Grundsätzlichen: in ihrer bauhaften Strenge und in ihrem fernen Idealismus. Die Arbeit Merkels verläuft — im strengsten Sinne des Wortes — folgerichtig. Man darf ohne Übertreibung sagen: wenn Merkel etwa eine Leinwand mit der AnInge eines senkrechten grünen Streifens am Rande begonnen hat, ist auch schon das ganze Bild gegeben: denn die Richtung, die Fläche und der Farbton dieses einen geringen Teiles lösen dann in unablässiger Verkeilung die anderen Richtungen, Flächen und Farbtöne aus, bis das gemalte Bauwerk fertig ist. In diesem Bauwerk spielen die Erscheinungen --■ die Bäume, die Häuser, die Figuren - keine urhebende, sondern nur eine untergeordnete Rolle. Sie ergeben sich an ihrem Ort, als Gewächse der Komposition. Die Komposition ruft an bestimmter, unverrückbarer Stelle Gestalten hervor, sie verleiht ihnen Maß und Bewegung. Die Gestalten sind nur besondere Zeichen und Knüpfer der allgemeinen Ordnung. Und eben deshalb die Figuren nur Gebärden. Sie nehmen, was ihnen die Umgebung an Bewegungen zuträgt, auf, um es in sich zu sammeln, zu regeln und weiterzuleilen. Sie sind nur Formgcwäehse ihrer Umwelt. Und so wird man sie sehen müssen. Eine Frau hehl die Hand ins Haar. Sie tut das nicht, um eine gefällige Haltung zu zeigen. Sondern der im Ellbogen gekrümmte Arm ist das aufleuchtende Gelenk einer rhythmischen Bahn. Zwei weibliche Akte oder drei treten zusammen. Mit schwellenden Körpern und Gliedern. Sie sind gewiß nicht natürlich und in diesem natürlichen Sinne gewiß nicht schön. Aber das kommt hier nicht in Frage. Sie haben eine andere, eigene und unabhängige Schönheil. Sie sind Beschließer einer in sich ruhenden Form, sind nur herbe Gebärden dieser feierlich entrückten, absoluten Form. Sie entspringt und vollendet sich in der Färbung. Auch diese kommt nicht aus der Natur. Das zeigen schon die Landschafleu mit ihren fremden, intensiven Farben. Und sie zeigen auch schon besonders deutlich, wie völlig alles auf diese fremde, intensive Farbe gestellt ist. Der Ausblick in die Ferne wird hier nicht durch die natürlichen Mitlei der Perspektive, nicht durch Schaltung und Verflauuni». sondern durch verschiedene, immer kliire Farblagen hervorgebracht. Das Bild bleibt farbig bis an den Rand. Der immer gefühlvoll und leidenschaftlich bewegte Pinsel reicht von dunkel gesammelter Kraft bis zum zartesten durchsichtigsten Anhauch. Nur flau und flüssig wird er nie. Denn er trägt mit seiner Farbe auch den Ausdruck. Untrennbar verbinden sich in dieser geheimnisvollen Farhkunsl Form, Stimmung und Bedeutung. Die rein gebildeten Köpfe mit den weit offenen, aufmerksamen Augen, die Gebärden der Gestalten und der Gruppen, die Landschaften mit ihren wenigen, streng abgesetzten Erscheinungen einem Weg. einer Mauer, einigen Häusern und Bäumen - sie haben schon für sich eine unwirkliche Größe. Aber ersl die Farbe verleiht ihnen das Element, in dem sie leben. Nun ersl sind sie getränkt mit jener Stimmung, der zuletzt keiner sich entziehen kann. Wir sehen die Bilder an. und Unsagbares dringt auf uns ein. Es isl. als ob hinler diesen Bildern eine andere, höhere Welt, die Well der fernen Ideen, die Welt der Wesenheilen, unnahbar und abgründig, sich entschleiern würde. Es ist eine Kunst des Symbols. Tsl sie jüdisch? Gewiß. Denn sie isl schöpferisch. Sie wählt nur äußerst selten jüdische Stoffe: nur der Mensch, nicht auch der Maler bekennt sich zum Judentum; und er geht nicht den Weg eines jüdischen Stils, den es ja vorderhand gar nicht gibt. Aber er