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Menorah · 1929-09-01 · Heft 9-10 (September 1929) · p. Seite 494

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 9-10 (September 1929)
Article
Georg Merkel
Date
1929-09-01
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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494 MENORAH kommen, wenn er sie mit ihren natürlichen Motiven und Modellen vergleicht, befindet sich schon hier in einem wesentlichen Irrtum. Das Verhältnis Merkels zur Natur ist frei bis zur Unabhängigkeit. Seine Kunst gibt dem bekannten Wort „l'art est nature vue ä travers d'un temperament" eine ungewöhnliche Deutung. Die Natur geht hier unter im Temperament. Nachdem sie einmal den Anstoß gegeben hat, verläuft die weitere Bewegung durchaus auf der eigenen Bahn des Künstlers, der auch bei solchen seltenen natürlichen Anlässen zuletzt seine Form, seinen Rhythmus und seine Stimmung verwirklicht. Das Bild der Landschaft ist dem Motiv von St. Veit zuletzt geradeso unähnlich wie das Bild des Knaben seinem Modell. Beides ist hier völlig umgeschaffen. Denn dieser Künstler bildet die Natur nicht ab, er schafft sie um — nach seinem Maß, nach seinem Wesen. Liest man in den Briefen der Meister des XIX. Jahrhunderts, dann trifft man zunächst bei Hans von Marpes auf die folgende Erörterung: ,, .. . wer sich der Ausübung der Künste widmet, muß darauf bedacht sein, ein unbefangenes Verhältnis zur Natur anzustreben und zu erhalten." Nach Marpes kann weder in der Naturnachahmung noch auch in der Naturempfindung das Ziel der großen Kunst, die er im Auge hat, gelegen sein; denn beides ist nicht mehr als ein Hilfsmittel, um versländlich zu bleiben. „ . .. nur derjenige ist ein Künstler, dem sich das Wesentliche der Erscheinungen offenbart." Hier scheint sich ein erster Weg zum besseren Verständnis auch der Kunst Merkels, sofern sie mit der Natur beschäftigt ist, zu öffnen. Denn wie Marees — von dem er, wie ich mich hinterher erinnere, in seinem Atelier ein lithographisches Blatt hängen hat, für den er also wohl eine tiefere Sympathie empfindet — zielt auch Merkel nicht auf die naturgegebenen Erscheinungen, sondern auf ihre Wesenheilen. Wobei freilich die Frage einstweilen offen bleibt, was er unter diesem „Wesentlichen" versteht. Weiter führen die Briefe von Philipp Otto Runge. Es ist in diesen Ergüssen einer gefühlvollen und doch auch durchgeistigten Seele nur wenig vom Sinnlichen, immer aber von den letzten Dingen die Rede. Wie in seinen freieren Bildern bewegt Runge sich auch in seinen Briefen immer an jener Grenze, wo sich das Angeschaute entschleiert, um das Geheimnis seiner größeren, tiefer ruhenden Bedeutung preiszugeben. In jeder Landschaft sieht er das ganze All. Sache des Künstlers ist es, die elementaren Kräfte, die in diesem All gegeneinander wirken, zu erkennen, um aus dem Chaos zu einer höheren, religiösen Ordnung zu gelangen. Erreicht er dies, dann erreicht seine Kunst das Gesetz der Natur und wird selbst gesetzhaft wirken. Durchschauert sein Werk die Ahnung einer selig entrückten, göttlichen Wallung, dann ist es endgültig bekrönt. Gewiß, Runge spricht die Sprache seiner Zeit, die sich seither etwa so verändert hat wie unsere Vorstellungen vom Äther. Trotzdem sind wir hier auf der Spur Merkels. Denn wie für Runge, bedeutet auch für ihn die Malerei eine Abstraktion von der Natur. Und gleichviel bedeuten auch für ihn: das Elementare, das Gesetzmäßige im Chaos der Erscheinungen, die Entschleierung ihrer Geheimnisse und die Ahnung der letzten Grenzen. Vielleicht ist dies das ,,Wesentliche", worauf seine Kunst gerichtet ist. Nun ist kaum anzunehmen, daß Merkel die Ansichten Runges vom Wesen der Kunst kennt. Und sind sie ihm einmal bekannt geworden, dann hat er sie gewiß — interessiert, aber ohne weiter von ihnen Gebrauch zu machen — sofort wieder beiseite gelegt. Die merkwürdige Übereinstimmung der beiden so entfernten Künstler ergibt sich zwangsläufig von selbst. Denn auch Merkel ist ein romantischer Klassizist. Freilich einer, der nicht an die deutsche, sondern an die französische Entwicklung anknüpft. Wenn sich trotzdem die Verwandtschaft im Geistigen klarer und frappant an jenem deutschen Beispiel aufzeigen läßt, dann liegt das daran, daß der Deutsche im allgemeinen weit mehr befähigt ist, was er fühlt, auch zu denken

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